100 Meter Ruhm, 18 Löcher Ruhe

Es gibt Namen, die eine ganze Ära sportlich geprägt haben. Wer an die Leichtathletik der frühen 1990er-Jahre denkt, hat sofort ihre Bilder vor Augen, Katrin Krabbe.

Sie war Doppelweltmeisterin, eine absolute Ausnahmeathletin und das Gesicht einer Generation. Ihr damaliges Leben war geprägt von maximaler Geschwindigkeit, dem harten Takt der Stoppuhr und der ständigen Dynamik des weltweiten Rampenlichts. Doch hinter den fetten Schlagzeilen steckte eben auch ein ganz normaler Mensch – mit Träumen, Zweifeln, jeder Menge Power, aber auch verletzlichen Seiten. Ihr Leben war und ist eben viel mehr als nur die paar Sekunden auf der Laufbahn.

Vom Highspeed-Ruhm zum perfekten Abschlag

Heute, drei Jahrzehnte später, hat sich das Tempo in ihrem Leben grundlegend verändert – im besten und schönsten Sinne. Es ist leiser geworden, bewusster und von einer schönen, inneren Balance geprägt. Dass sie heute leidenschaftlich Golf spielt, passt da perfekt ins Bild. Beim Golfen brauchst du Geduld, Gefühl und die nötige Gelassenheit. Man muss nach jedem Schlag wieder bei null anfangen können. Für jemanden, der schon früh den extremen Druck von außen gespürt hat, ist der Golfplatz der perfekte Ort. Hier muss sie niemandem mehr irgendwas beweisen.

Gemeinsame Wege und ein sicherer Hafen

Dieser beständige Rhythmus zieht sich durch ihr Leben. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Karsten lebt sie in Chemnitz, unterstützt ihn im gemeinsamen Immobilienbüro und genießt einen Alltag, der Wesentliches zulässt, Zeit zu zweit, gemeinsame Interessen und die Freiheit, das Leben abseits des großen Trubels so zu gestalten, wie sie es möchte. Seit acht Jahren sind sie ein eingespieltes Team. Die Hochzeit vor zwei Jahren auf Mallorca war die logische Krönung einer Liebe, die abseits des alten Medienrummels in aller Ruhe gewachsen ist.

Und wenn der Applaus verstummt?

Ich habe Katrin und Karsten im Auto auf dem Weg zu einem Golfturnier nach Köln erreicht. Schon in den ersten Sekunden des Telefonats spürt man eine wunderbare, herzliche Vertrautheit zwischen den beiden. Hier spricht eine Frau, die mit sich selbst und ihrer Geschichte komplett im Reinen ist. Was bleibt also von einer Legende, wenn der große Applaus vorbei ist? Eigentlich genau das, was sie schon immer ausgemacht hat, eine tolle Frau mit Charakter, Stärke und Stil, die heute im Hier und Jetzt angekommen ist und komplett ihr eigenes Ding macht.

INTERVIEW

GW: Du hast als sehr junge Frau ein enormes Ausmaß an Bewunderung erlebt – für deine sportliche Leistung, aber auch für deine Ausstrahlung. Wie hat sich dein Blick auf dich selbst als Frau über die Jahrzehnte verändert?
Katrin Krabbe: Mit Anfang zwanzig sieht man sich selbst vor allem durch die Augen der anderen, weil der Druck und die Erwartungen von aussen gigantisch sind. Heute brauche ich diese Bestätigung von ausserhalb überhaupt nicht mehr. Mein Blick auf mich ist viel gnädiger und liebevoller geworden.

GW: Wenn du heute durch die Stadt schlenderst – ab wann merkst du, ob dein Gegenüber die Sportikone von damals vor Augen hat oder einfach die Frau, die vor ihm steht?
Katrin Krabbe: Das merkt man meistens am Sekundenbruchteil des Zögerns, wenn der Name fällt, oder an einem kurzen Aufblitzen in den Augen. Manchmal werde ich direkt auf die alten Zeiten angesprochen. Das ist schon schmeichelhaft und es schön zu merken, dass die Menschen mich heute vor allem als die Person wahrnehmen, die ich im Hier und Jetzt bin und nicht als die eingefrorene Schlagzeile von 1991.

GW: Du und dein Mann Karsten seid seit acht Jahren zusammen, vor zwei Jahren habt ihr auf Mallorca geheiratet. Was bedeutet dir diese feste Konstante in deinem Leben?
Katrin Krabbe: Karsten und ich ergänzen uns einfach perfekt. Langweilig wird’s mit ihm nie, ganz im Gegenteil. Nach all den turbulenten Jahren in meinem Leben ist es ein schönes Gefühl, jemanden an der Seite zu haben, auf den ich mich verlassen kann. Unsere Hochzeit auf Mallorca war entspannt, herzlich und ohne großen Medienrummel. Zu wissen, dass da jemand ist, der dich liebt, gibt mir unglaublich viel.

GW: Deine Söhne Bruno und Aaron gehen längst ihre eigenen Wege. Wie viel „Weltmeisterin“ steckt für sie noch in dir, und ab wann bist du einfach Mama?
Katrin Krabbe: Für meine Söhne war ich eigentlich nie die Weltmeisterin, sondern immer nur die Mama. Die beiden haben natürlich mitbekommen, was früher los war, aber an unserem Küchentisch zählten nie Medaillen, sondern wie es ihnen geht und ja, ich darf und durfte als Mama auch mal anstrengend sein – das gehört zum Jobbeschreibung einer Mutter einfach dazu (lacht).

GW: Was ist eigentlich aus deinen Pokalen und Medaillen geworden? Wo verstecken sich diese Trophäen heute?
Katrin Krabbe: (lacht) Die verstecken sich gar nicht! Karsten hat bei uns zu Hause in Chemnitz eine eigene Ecke für meine Pokale, Medaillen und sogar meine alten DDR-Trikots eingerichtet. Wenn ich daran vorbeigehe, denke ich oft daran, wie viele schöne Erinnerungen daran hängen und bin einfach dankbar für alles, was ich erleben durfte.

GW: Was ist die eine Sache, die du tust, wenn du komplett alleine bist und niemand etwas von dir erwartet?
Katrin Krabbe: Ich geniesse die absolute Stille. Handy weg, Kaffeetasse in die Hand und einfach in den Garten oder in die Natur schauen. Früher war mein Leben extrem durchgetaktet, jede Minute war verplant. Heute ist das Abschalten des Kopfes, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, mein grösster Luxus.

GW: Profisportlerinnen werden früh darauf trainiert, zu funktionieren. Gab es einen Punkt, an dem du lernen musstest, konsequent Nein zu sagen, um dich selbst zu schützen?
Katrin Krabbe: Ja, diesen Punkt gab es und es war ein schmerzhafter Lernprozess. Wenn du jung erfolgreich bist, wollen alle ein Stück von dir abhaben. Ich musste erst lernen, dass ein „Nein“ zu anderen ein „Ja“ zu mir selbst ist. Heute setzte ich meine Grenzen sehr klar und spüre sofort, was mir guttut und was meine Energie raubt.

GW: Viele Frauen empfinden das Älterwerden ab einem gewissen Punkt als Befreiung. Ist das für dich sogar ein Stück Luxus?
Katrin Krabbe: Absolut. Der Jugendwahn, dem man im Leistungssport und in den Medien ausgesetzt ist, fällt im Alter komplett ab. Man muss niemandem mehr gefallen oder Erwartungen erfüllen. Diese Gelassenheit, die mit den Jahren kommt, ist pure Befreiung. Ich tausche die Reife von heute gegen keine Jugend der Welt ein.

GW: Früher war Reisen oft Teil des Wettkampfs. Wenn du heute privat unterwegs bist oder Zeit mit deiner Familie geniesst – was nimmst du aus der Ferne für deinen inneren Frieden mit?
Katrin Krabbe: Früher habe ich von den Städten oft nur das Hotel und das Stadion gesehen. Heute reise ich mit offenen Augen. Ich nehme die Leichtigkeit anderer Kulturen mit, die Weite des Meeres und das Gefühl, dass die Welt so viel grösser ist als die eigenen kleinen Alltagssorgen. Das erdet mich jedes Mal aufs Neue.

GW: Wenn du dich heute mit all deinen Narben und Erfolgen im Spiegel anschaust: Was liebst du an deinem heutigen Leben am meisten?

Katrin Krabbe: Die Unabhängigkeit. Die junge Katrin von damals stand unter ständiger Beobachtung und Fremdbestimmung. Mein heutiges Leben habe ich mir selbst erarbeitet – mit allen Höhen und Tiefen. Ich liebe die Gewissheit, dass ich Stürme überstehen kann und am Ende immer wieder fest auf den Beinen stehe.

GW: Was wünschst du dir, dass Menschen heute zuerst an dir wahrnehmen – bevor sie an deine Erfolge denken?
Katrin Krabbe: Dass sie eine Frau sehen, die herzlich, bodenständig und absolut authentisch geblieben ist. Medaillen verstauben irgendwann im Schrank, aber wie man mit seinen Mitmenschen umgeht und welchen Charakter man zeigt, das bleibt.

GW: Wenn du an dein Elternhaus zurückdenkst, welche Werte haben dich bis heute begleitet – vielleicht stärker als jede Medaille?
Katrin Krabbe: Disziplin, Ehrlichkeit und der Respekt vor anderen Menschen, völlig egal, woher sie kommen oder was sie tun. Mein Elternhaus hat mir beigebracht, niemals abzuheben, wenn es gut läuft und niemals den Kopf hängen zu lassen, wenn es schwer wird. Das hat mich durch die härtesten Phasen meines Lebens getragen.

GW: Im Spitzensport ist man von vielen Menschen umgeben. Woran erkennst du heute, wer wirklich zu dir gehört?
Katrin Krabbe: Echte Freunde zeigen sich, wenn das Scheinwerferlicht ausgeht und es im Leben dunkel wird. Die Menschen, die in meinen schwersten Momenten da waren, ohne Fragen zu stellen, sondern einfach um mir den Rücken zu stärken – das sind meine lebenslangen Anker. Davon braucht man nicht viele, aber die richtigen.

GW: Du kommst aus einer Welt der Hundertstelsekunden. Golf verlangt Geduld und Demut. Was hat dir dieser Sport über dich selbst beigebracht?
Katrin Krabbe: Golf hat mich gelehrt, dass man Erfolg nicht erzwingen kann. Beim Sprinten ging es um pure Kraft und Explosivität. Beim Golf hingegen bestraft dich jede Verkrampfung sofort. Der Sport hat mir beigebracht, loszulassen, geduldig zu bleiben und zu akzeptieren, dass nicht jeder Schlag perfekt sein kann- und ganz ehrlich, so ohne Training geht’s halt auch nicht – (lacht)

GW: Wie sieht dein eigener Rhythmus heute aus und was darf darin auf keinen Fall fehlen?
Katrin Krabbe: Mein Tag ist heute von einer gesunden Balance geprägt. Zeit für meinen Mann, Zeit für Familie und Freunde und gemeinsame Reisen. Was auf keinen Fall fehlen darf, ist das Lachen und die Zeit für mich selbst. Ich lebe heute nach meinem eigenen Takt und das fühlt sich verdammt gut an.

Medianachweis: Krabbe Privat

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