„Diese Art von Golf würde ich gern öfter spielen“, schwärmte Scottie Scheffler neulich mit Blick auf die Links von East Lothian. Dann scheiterte der Weltranglistenerste bei der Scottish Open am Cut und „durfte“ vorzeitig nach Royal Birkdale im Nordwesten von England weiterziehen, wo er trotzdem zu den Favoriten für die 154. Open Championship zählt und als Titelverteidiger Anfang der Woche artig die Claret Jug bei der R&A abgeliefert hat. Freilich, auf den Links in Tommy Fleetwoods Heimatstadt Southport nahe Liverpool wird es noch mal unwirtlicher als im Renaissance Club: Das Par-70-Layout ist nach den Hitzeperioden der vergangenen Wochen ausgedorrt und bretthart, das Festuca-Gras hat sich mangels Feuchtigkeit in den Sommerschlaf zurückgezogen, und so reden in dieser Woche alle von „Brown Birkdale“.
Struppig ausgetrocknetes Rough, schmal geschnittene Fairways, tanzdielenglatte Grüns und stetiger Wind tun ein Übriges. Ein 18er-Handicapper würde vermutlich schon nach neun Loch entnervt aufgeben, sagt Jon Rahm. Die Auguren erwarten daher eher ein Bogey-Battle denn ein Birdie-Ballett und sehen den neuen Champion Golfer of the Year am Ende irgendwo rund um Par. Für die bisherigen zehn Majors auf Royal Birkdale beträgt der Siegerscore im Schnitt -6,9. Unvergessen ist vermutlich vor allem das Jahr 2017 mit dem besten Bogey aller Zeiten, als Jordan Spieth auf der 13 ins Nirgendwo abschlug und dann von der Driving Range aus den Triumphzug in Richtung des avantgardistischen Art-Deco-Clubhauses fortsetzte.
Jedenfalls: Bei der elften Austragung der weltältesten Golfmeisterschaft dürfte alles anders sein. Nicht zuletzt, weil der Club vor diesem letzten Herren-Major des Jahres mit umfangreichen Modernisierungsarbeiten die Schrauben der Herausforderung weiter angezogen hat. „Royal Birkdale ist enger geworden“, verdeutlicht Rahm: „Bunker wurden hinzugefügt, Fairways näher an die Hindernisse gerückt, längere Tees gebaut. Sie haben einen Platz schwieriger gemacht, der immer schon schwierig war.“ Das Geläuf an der Irischen See gilt generell als fair, lag in puncto Anspruch indes ohnehin stets vor den anderen Kursen der Open-Rota – mit Ausnahme von Carnoustie vielleicht –, für die ein Durchschnitts-Siegerscore von -9 notiert wird.
„Überall gilt es, strategisch zu denken – erst recht unter diesen Bedingungen“, berichtet Scheffler, der bereits am Wochenende erste Erkenntnisse gewann. „Es geht ständig darum, den Ball unter Kontrolle zu halten und einzuschätzen, wo er letztlich zur Ruhe kommt. Außerdem gibt es immer wieder unvorhersehbare Abpraller.“ Dann verspringen Bälle um bis zu 40 Meter in alle Richtungen. Also gilt: Über den Platz denken, wie Bernhard Langer es mal formuliert hat, statt schierer Weitenjagd. Und das Ground Game ist gefordert: Bump and run.
Linksgolf-Könner wie Justin Rose, der sich bei der Royal-Birkdale-Open 1998 mit einem vierten Platz als Amateur ins Rampenlicht spielte, haben deswegen statt der meisten Hölzer die ganz langen Eisen ins Bag gepackt. „Der Ball rollt sowieso ewig weiter“, erklärt Scheffler. „Also: Haut man einfach den Driver nach vorn und nimmt in Kauf, wahrscheinlich aus dem Rough weiterspielen zu müssen? Oder greift man lieber zum Eisen, bringt den Ball sicher aufs Fairway – zumal bei Seitenwind – und hat dafür einen längeren Schlag an die Fahne?“
Apropos: Fünf neue Grünkomplexe wurden gebaut; dabei ragt die komplett neu angelegte, 220 Meter lange Par-3-15 sogar im Wortsinn heraus. Rory McIlroy nennt die Puttflächen teilweise „unnatürlich – mit den modellierten Wellen und den steilen Auslaufzonen“. Aber so was eröffne eben auch verschiedene Möglichkeiten, wenn man das Grün verfehle, fügt der als Mitfavorit gehandelte sechsfache Majorsieger an: „Manche nehmen den Putter, andere spielen einen flachen Chip-and-Run, wieder andere entscheiden sich vielleicht für das Lob Wedge.“ Und: „Bei der US Open in Shinnecock Hills hat sich gezeigt: Wenn man Profi-Golfern verschiedene Optionen gibt und in ihren Köpfen ein wenig Zweifel erzeugt, ob sie diesen oder jenen Schlag spielen sollen, dann wird es richtig interessant – vor allem für die Zuschauer“, sagt McIlroy. „Für mich sind genau das die Merkmale eines echten Major-Tests.“
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