Aus der Versenkung

Überraschungssieger, Comebacks und Doppel-Erfolge: Der Saisonstart der 
DP World Tour und der LIV hat einige Geschichten zu bieten.

Anthony Kim sorgt wieder für Schlagzeilen. Diesmal jedoch nicht wegen eines Skandals, einer PR-wirksamen Rückholaktion in die LIV Golf League oder fehlender Wettbewerbsfähigkeit. Nein, Kim konnte im Alter von 40 Jahren wieder ein großes Profi­turnier gewinnen. Der US-Amerikaner war über Jahre komplett aus dem Profigolf verschwunden. Sein letzter regulärer Start lag mehr als ein Jahrzehnt zurück. 2024 wurde er auf die LIV Tour geholt. Entsprechend groß waren die Fragezeichen während seiner Comeback-Tour und erst recht nach seiner zweiten Saison, als er infolge ausbleibender Erfolgserlebnisse seine Spielberechtigung verlor.

Sportlich liefert Kim jedoch seit diesem Rückschlag belastbare Ergebnisse. Erst holte er sich die Tourkarte über die Q-School zurück und nun gewann er im Februar dieses Jahres das Event in Adelaide. Und plötzlich steht Kim wieder für mehr als nur einen gut gemeinten PR-Stunt. Ein solcher Erfolg bei einem LIV-Event, das seit dieser Saison über 72 statt nur 54 Löcher ausgetragen wird, ist schließlich nicht das Resultat einer einzelnen Ausreißer-Runde, sondern nur durch mehrere solide Scores in Folge machbar. Nur wer wirklich wieder Herr über sein Können ist, kann stabil über vier Runden Golf spielen. Das ist es, was Kim einst zum interessantesten Spieler nach Tiger Woods hat werden lassen.

Kims unvergesslicher Familienmoment mit Tochter Bella und Ehefrau Emily.

Von Gott begnadet

„Es war ein langer Weg zurück“, sagte Kim nach seinem Erfolg, während er seine Tochter Bella im Arm hielt und Tränen in den Augen hatte. Seit 2012 plagte ihn eine lange Verletzungsserie. Er hatte sich über Jahre mit Achillessehnenproblemen und weiteren körperlichen Einschränkungen auseinandersetzen müssen, die ihn letztlich komplett aus dem Wettkampfbetrieb gedrängt hatten. Hinzu kamen Versicherungsfragen sowie Alkohol- und Drogenprobleme, die seine Rückkehr zusätzlich verzögerten. 

Die Tatsache, dass er nun wieder konkurrenzfähig ist, deutet darauf hin, dass sowohl seine körperliche Belastbarkeit als auch seine Trainingsstruktur über einen längeren Zeitraum hinweg aufgebaut wurden. Anders ist dieses unerwartete Comeback nicht zu erklären. Schließlich bekam Kim es in der Finalrunde in Adelaide nicht mit irgendeinem Fallobst, sondern mit den Major-Siegern Bryson DeChambeau und Jon Rahm zu tun. Bezeichnend waren Kims zittrige Worte nach dem Erfolg: „Gott hat mir ein Talent geschenkt. Niemand außer mir selbst muss an mich glauben. Und allen, die gerade zu kämpfen haben, möchte ich sagen: Ihr könnt alles schaffen.“ Bei Kim mündete dieser Glaube in einem Turniersieg nach knapp 16 sieglosen Jahren, der ihm vier Millionen US-Dollar Preisgeld einspielte.

Duell der Superstars

Parallel dazu bestätigt die LIV Tour ihre etablierten Kräfteverhältnisse. Jon Rahm gehört erneut zu den Siegern, und Bryson DeChambeau hat bereits zwei Turniere gewonnen. DeChambeau profitiert dabei weiterhin von seinem Vorteil vom Tee: Hohe Ballgeschwindigkeit und kurze Schläge ins Grün sorgen für konstant niedrige Scores. Vor allem auf Par-5-Löchern scheint er seiner Konkurrenz regelmäßig Schläge abzunehmen. Rahm hingegen durfte nach einem sieglosen Jahr 2025, das dennoch mit dem Gesamtsieg endete, endlich wieder einen Einzeltitel gewinnen. Es sieht alles nach einem Duell der beiden größten Stars im LIV-Kosmos um die Saisonkrone aus. Noch eine Anmerkung: Martin Kaymer, der einzige deutschsprachige Spieler bei der LIV, hat noch keine Top-30-Ergebnisse erzielt und ist daher noch auf der Suche nach seiner Form.

Shootingstar Schott

Während sich auf der LIV Tour also ein relativ stabiles Leistungsbild zeigt, ist die DP World Tour deutlich dynamischer unterwegs. Freddy Schott steht exemplarisch dafür. Der Düsseldorfer gewann die Bahrain Championship und damit seinen ersten Titel auf dieser Ebene – nach einem Playoff gegen Patrick Reed und Calum Hill. Auffällig war – neben seinem gewohnt welligen langen blonden Haar – Schotts statistisches Profil: hohe Fairway-Trefferquote, wenige Bogeys und ein überdurchschnittlich effizientes kurzes Spiel. Gerade auf einem Kurs, der Fehler bestraft, ist diese Kombination entscheidend. Schott selbst sagte nach dem Sieg, er habe „versucht, das Spiel simpel zu halten“ – ein Ansatz, den man in einem Stechen gegen einen Masters-Champion erst einmal so durchziehen muss. Mit 24 Jahren schon ziemlich cool und vielleicht ein neuer Shootingstar aus Deutschland. Definitiv aber der erste deutsche Sieger auf der DP World Tour seit Nicolai von Dellingshausens Erfolg bei der Austrian Open 2025.

Reeds Rückkehr

In diesem Zusammenhang ist Patrick Reed eine der prägendsten Figuren der Saison. Nach seinem Wechsel zurück zur DP World Tour gewann er zunächst die Dubai Desert Classic mit vier Schlägen Vorsprung. Es folgten Platz zwei in Bahrain und ein weiterer Sieg beim Qatar Masters. Reed wirkte in dieser Saisonphase fast zu gut für diese Liga. Ein bisschen wie Scottie Scheffler auf der PGA Tour. Apropos PGA Tour: Dorthin möchte „Captain America“ auch dringend zurück, doch die strengen Regularien verwehrten ihm nach seinem LIV-Abgang eine kurzfristige Rückkehr. Angesichts seiner bisher gezeigten Leistungen dürfte dieser Schritt zurück zur alten Liebe aber nur eine Frage der Zeit sein.

Dass Reed dennoch nicht ­allein im Fokus steht, liegt an einer auffälligen Entwicklung: Mehrere Spieler gewinnen zu Beginn der Saison gleich mehrfach. Jayden Schaper gelang dies direkt zum Auftakt der neuen Spielzeit noch im alten Kalenderjahr mit zwei Turniersiegen in Folge. Casey Jarvis zog mit Erfolgen in Kenia und bei den South African Open nach. Die beiden Südafrikaner holten das Maximum aus ihrem Formhoch heraus. Im Fall von Jarvis wurde dies mit
der ersten Einladung nach Augusta belohnt.

Familienmärchen

Parallel dazu liefert die Familie Fitzpatrick ihre eigene Geschichte – ihren ganz persönlichen Doppelsieg sozusagen. Matt gewinnt die Valspar Championship auf der PGA Tour, eine Woche später holt Alex Fitzpatrick bei den Hero Indian Open seinen ersten Titel auf der DP World Tour. Zwei Brüder, zwei Touren, zwei Siege innerhalb weniger Tage. Alex sprach später von einem „ziemlich surrealen“ Moment, auch weil er den Erfolg seines Bruders direkt miterlebt hatte. Seit Jahren hechelt er den Leistungen seines ­älteren Bruders hinterher. Das ist Motivation und Druck zugleich, wie Alex sagte: „Es kann manchmal ganz schön anstrengend sein, ständig hinter den Erfolgen eines anderen herzulaufen. Aber zum Glück ist es mein Bruder, also ist es nicht so schlimm. Ich bewundere ihn sehr und versuche einfach, ihm in jeder Hinsicht nachzueifern.“ Nach den Höjgaard-Zwillingen sind sie definitiv das zweiterfolgreichste Brüder-Duo im aktuellen Profigolf.

So sieht also ein Saisonstart auf der DP World Tour und der LIV Golf League aus, bei dem vieles aus der Versenkung zu kommen schien: Schott taucht plötzlich ganz oben auf. Reed ist sofort wieder konkurrenzfähig. Schaper und Jarvis nutzen ihre Formphasen konsequent. Kim meldet sich ernsthaft zurück. Rahm und DeChambeau liefern wie erwartet ab und bilden in dieser Aufzählung die Ausnahme. Und mittendrin entsteht mit Alex und Matt eine Geschichte, die sich die Familien der Fitzpatricks noch mehrere Generationen später am Küchentisch erzählen werden.

Medianachweis: © Charles Laberge/LIV Golf

Total
0
Shares
0 Share
0 Tweet
0 Share
0 Share
0 Share
0 Share
0 Share
0 Share
Prev
Abschlag mit Mehrwert 

Abschlag mit Mehrwert 

Golf & Genuss im Ortner’s Resort: 10 Plätze, 20 Prozent Greenfee-Rabatt und eine

Next
DOLOMITENGOLF RESORT: EIN PLATZ FÜR DIE BUCKET-LIST 2026

DOLOMITENGOLF RESORT: EIN PLATZ FÜR DIE BUCKET-LIST 2026

Warum sich die Reise nach Osttirol in dieser Saison besonders lohnt

Das könnte dich auch interessieren
Total
0
Share