Bethpage Black, was für ein Brett!

Frank Sinatra hat einst über New York gesungen: „Wenn du es dort schaffst, schaffst du es überall.“ Das gilt auch für die Golfplätze des Big Apple.

New Yorks bester Parcours liegt mittlerweile in Nekoosa, Wisconsin. Genauer gesagt, seit 2023: The Lido, das Krönungsstück der Schaffenskraft von Charles Blair Macdonald, originalgetreu nachgebaut – Sandkorn für Sandkorn eine Renaissance verloren gegangener Perfektion. In den 1920er- und 1930er-Jahren polarisierte das Arrangement an den Gestaden von Long Beach die Golfergilde, ehe die US Navy die Fläche vor der Südküste von Long Island während des Zweiten Weltkriegs okkupierte und den Platz zugunsten von Baracken plattmachte: zu schwierig bis unspielbar für die einen, das verwegene Design eines Genies für die anderen.

Der Lido Country Club hätte wohl ebenfalls jenes berühmt gewordene Schild verdient, das am Eisenzaun über dem ersten Abschlag des gerade mal 30 Kilometer entfernten Kurses hängt, der Ende September zum Schauplatz der 45. Ryder-Cup-Matches wird:

„Warning – The Black Course Is An Extremely Difficult Course Which We Recommend Only For Highly Skilled Golfers.“

Die Tafel wurde Anfang der 1980er-Jahre dort angebracht, nachdem sich ausgerechnet am Memorial Day ein trödelndes Ehepaar und ein flotter Foursome dahinter auf dem gut frequentierten öffentlichen Platz im Bethpage State Park einen Schusswechsel geliefert hatten. Im Wortsinn: Der versierte Vierer feuerte vor lauter Verdruss Bälle auf die hinderlichen Golfanfänger, das Duo schoss zurück. Eigentlich sollte der Hinweis solche Hacker fürderhin fernhalten, doch die Idee von Mike Asheroff, seinerzeit Vize-Chef der Parkverwaltung für Long Island, wurde zum Bumerang. Jetzt strömten Hobby-Golfer aus aller Herren Länder erst recht nach Farmingdale, um sich mit dem einzigen Golfplatz der Welt zu messen, vor dessen Schwierigkeitsgrad offiziell gewarnt wird.

Der Rest ist Geschichte, wie es so schön heißt. Inklusive der Parkplatz-Partys, um an die begehrten Tee Times zu gelangen. Frei nach der Devise „Wer zuerst kommt, spielt zuerst“ hat sich ein regelrechter Camping-Kult entwickelt, der was vom Tailgating vor Football-Matches hat. Dazu die Horrorstorys über das Geläuf mitten auf Long Island und dessen Monstrosität. Und sie stimmen vermutlich alle. „Mich hat immer beeindruckt, wie erbarmungslos der Platz ist. Jeder muss irgendwie mit dem Schild umgehen“, sagt der deutsche Podcaster Frank Förster, die Stimme hinter der „Radio Golfschau“.

„ES GEHT EINFACH NUR UMS ÜBERLEBEN“

Der Mann weiß, wovon er spricht. Förster hat von 1985 bis 2008 in New York gelebt und den Black Course sicher 15 bis 20 Mal pro Jahr gespielt. „Du bist nie hingegangen, um dir einen schönen Nachmittag zu machen. Oder hast dir überlegt, heute will ich 90 schießen oder 80 oder was weiß ich. Auf dem Black Course geht es einfach nur ums Überleben.“

Das galt fürs alte, mit gut 50.000 Runden pro Jahr ziemlich abgelatschte Ensemble, entworfen und umgesetzt 1936 von Joseph H. Burbeck, dem damaligen Betriebsleiter des Bethpage State Park, wie fürs neue Arrangement von Rees Jones anlässlich der US Open 2002, die ersten „Offenen Amerikanischen“ auf einem öffentlichen Platz. Der gern als originärer Schöpfer gehandelte Albert W. „Tilly“ Tillinghast, Macdonald-Zeitgenosse und ebenfalls einer aus dem Pantheon des Golden Age der Golfplatz-Architektur, war übrigens nur Berater – hinzugezogen, um die Presse zu beeindrucken und die New Yorker Golfer mit einem klangvollen Namen zu animieren.

TIGER WOODS 2002 ALS EINZIGER UNTER PAR

2002 blieb Tiger Woods als Einziger unter Par, beim Sieg von Lucas Glover 2009 waren es bloß drei Spieler, bei der PGA Championship 2019 deren vier, nachdem der spätere Gewinner Brooks Koepka zum Auftakt mit 63 Schlägen den Platzrekord markiert hatte.

„Der Schwarze“ wird allen Assoziationen gerecht, die Name und Warnschild auslösen: Die Fairways sind im Durchschnitt gerade mal 23 Meter breit, das Festuca-Rough ist zäh wie flüssiger Teer, die 78 Bunker mit einer Gesamtfläche von 3,2 Hektar sind genau dort platziert, wo es wehtut, und verwirren zudem durch falsche Fronten, die Grüns liegen meist auf Plateaus, wirken kaum onduliert, haben indes subtile Breaks.

BIESTIGKEITEN, BISS UND SCHIERE LÄNGE

Zu all den Biestigkeiten und dem Biss von Bethpage Black kommt die schiere Länge. Vom hintersten Hobby-Golfer-Tee (Blau) misst das Par-71-Layout 6829 Meter, inklusive erheblicher Höhenunterschiede, hat ein Course Rating von 77,5 und den Maximal-Slope von 155 – was für ein Brett! Carts sind zudem verboten, und es gilt ohnehin als Ehrensache, das Bag zu tragen. Aber: „Der Platz wird mit jedem absolvierten Loch länger und länger. Das ist echt brutal“, erinnert sich Frank Förster an das Auf und Ab. „Selbst mit einem Zehner-Handicap hast du höchstens bei zwei, drei Löchern die Chance auf ein Par.“

Wie trällerte doch Frank Sinatra 1979 im Ohrwurm „New York, New York“: „Wenn du es dort schaffst, schaffst du es überall.“ Das gilt gleichsam für die Golfplätze. „Bethpage Black hat mich gelehrt, wie man den Ball bewegt und die Murmel irgendwie ins Loch kriegt. An Greens in Regulation brauchst du nicht mal zu denken“, sagt Förster.

Die Warnung wurde zur Werbung: Das berühmte Schild von Bethpage Black.

BALLERWIESE UND FEINMECHANIK


Von nämlicher Güte sind die anderen öffentlichen Kurse auf Long Island. Der Montauk Downs State Park Golf Course beispielsweise, den Robert Trent Jones 1927 an die Ostspitze mit den heutigen Hamptons gepflanzt hat. Oder der Nachfolger von The Lido, der Lido Golf Club, den ebenfalls RTJ 1947 auf einem Teil des einstigen Country-Club-Areals gebaut hat, freilich ohne sonderliche Übereinstimmungen. Gleichwohl „ein Superplatz“, so Förster. „Eine Big-Boys-Ballerwiese“, die wie Bethpage Black dennoch Feinmechanik erfordert. Aber wie gesagt: Die Wiederauferstehung fand woanders statt – in Wisconsin.

Info

Bethpage Black ist einer von fünf öffentlichen Golfplätzen im Beth­page State Park auf Long Island. Auf der Gesamtfläche von 5,98 Quadratkilometern gibt es auch Tennisplätze, ein Polofeld, Langlaufloipen, Wander- und Radwege sowie Picknickwiesen.

Die Kurse Green, Blue, Red und Black wurden im Rahmen von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen nach der Great Depression 1929 angelegt, Yellow kam 1958 hinzu und gilt als einfachster Parcours des Quintetts. Für Einwohner von New York wird ein Green Fee von 44 bis maximal 80 Dollar erhoben, Auswärtige zahlen zwischen 88 und 160 Dollar.

Medianachweis: © Sportcomm/Getty Images

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