Birdies, Bling-Bling, Bodenständigkeit

Charley Hull steht für Golf und Glamour gleichermaßen. Aber wer ist die Engländerin wirklich, die unlängst 30 Jahre alt wurde. Ein Porträt.

Es war vielleicht nicht der größte persönliche Erfolg, immerhin gab es da mal einen Matchplay-Sieg über die seinerzeitige Weltranglistenerste Nelly Korda beim Solheim Cup 2024. Aber die 750.000 Dollar für den Gewinn des PIF Saudi Ladies International im Februar dieses Jahres waren definitiv das üppigste Preisgeld für Charley Hull. Und was sagt die vermeintlich extravagante Engländerin dazu? „Hurra, jetzt kann ich endlich mein Haus abbezahlen.“

Wer hätte das gedacht von einer, die der Golfglobus als Glamourgirl einstuft, als ein bisschen exzentrisch und exaltiert, als Fashionista auf und neben dem Fairway? Keine taugt so zur Malbon-Botschafterin wie die platinblonde Proette im Plisseerock, der die mädchenhafte Mode des Lifestyle-Labels förmlich auf den Leib geschneidert scheint und die auf Instagram regelmäßig in Glitzerkleidchen und Puschel-Mules posiert, inklusive Bling-Bling, French Nails und kompletter Kosmetikklaviatur im Gesicht. Eine Dandizette, die weibliche Entsprechung zum Dandy.

Andererseits ist da die Athletin, die sich lieber im Kraftraum schindet – „weil das gut für meine mentale Verfassung ist“ –, als auf der Range zu stehen. Die lieber spielt als trainiert. Die vor dem Duell mit Nelly Korda mal eben zehn Kilometer auf dem Laufband gerannt ist. Die martialische Ansagen im Netz macht und den Fehdehandschuh des Golfduells wirft, wenn sich irgendein Troll mal wieder als Damengolf-Verunglimpfer aus dem Fenster lehnt. Die schon Turniere mit Muskelzerrung im Rücken oder Bänderanriss im Sprunggelenk bestritten und einfach die Zähne zusammengebissen hat: „So ist das Leben, und letztendlich atme ich immer noch, also geht es mir gut.“

Wenig ladylike: Charley Hull bei der U.S. Women’s Open 2024 mit Zigarette im
Mundwinkel.

„Schmerz bloß eine Schwäche des Geistes“

Außerdem sei Schmerz „bloß eine verdammte Schwäche des Geistes, es wird schon ­alles gut“. Erzwungene Pausen findet sie ohnehin scheußlich. Hull ist rastlos, immer in Bewegung: „Einfach nur auf dem Sofa zu sitzen und nichts zu tun ist langweilig. Ich bin gern beschäftigt, und ich gehöre nun mal auf den Golfplatz.“

Was für Ambivalenzen. Aber wer ist diese Charley Esmee Hull wirklich, die am 20. März 2026 den 30. Geburtstag gefeiert hat? Als Nummer vier der Welt, mit drei Siegen auf der LPGA Tour, fünf Titeln auf der Ladies European Tour, vier zweiten Plätzen bei Majors und einem Karriere-Preisgeld von über elf Millionen Dollar. Die beiden Vornamen sind irgendwie bereits ein Indiz: Charley ist der Kumpel zum Pferdestehlen; Esmee klingt eher manieriert, ein bisschen etepetete. So heißt übrigens auch die Schäferhündin der Familie daheim in Burton Latimer, einem malerischen englischen Städtchen im Herzen der East Midlands.

Maximal zwei Wochen weg: „Habe Heimweh“

Kein schickes Appartement in Dubai, kein Penthouse mit Pool und Palmen im steuerbegünstigten Florida: Hull lebt in einem grausteinernen Haus aus dem 17. Jahrhundert, in dem Papa Dave alles selbst gebaut hat, vom Fitnessraum und dem Zimmer mit dem Golfsimulator bis zur Sauna mit Kaltwasserbecken – wie einst das Netz im Garten, in das Little Charley die ersten Golfbälle schlug.

„Ich bin gern zu Hause“, sagt Hull, die auf der LPGA Tour keine drei Turniere hinter­einander spielt: „Ich will nicht so lange von England weg sein.“ Sie ist sowieso Frühaufsteherin – auch das passt kaum zum Klischee – und passt ihre Tagespläne in den USA oft der britischen Zeitzone an. „Ich esse um 17 Uhr zu Abend und gehe um 18 Uhr ins Bett. Dann kann ich in ­aller Frühe mit meinen Leuten daheim sprechen. Ich habe oft Heimweh.“

Charley Hull beim Staatsbankett von König Charles III. für US-Präsident Donald
Trump 2025.

Gym und Golf als ADHS-Therapie

Womöglich hilft ein Blick auf die Eltern zum Verständnis. Der Vater ist von Beruf Bauunternehmer und vom Naturell ein Freigeist, war mal Mitglied einer Motorradgang – The Rockers, nomen est omen. Mutter Basienka ist
Polin, deren Mutter gehörte einer Widerstandsbewegung im russisch besetzten Polen an, wurde verhaftet, flüchtete aus einem Arbeitslager in ­Sibirien. Da kommt in der DNA einiges zusammen.

Charley Hull schmiss mit 13 die Schule, hing ihrer durchaus erfolgreichen Amateurkarriere nach. 2013 wechselte sie ins Profilager, da war sie erst 16 Jahre alt. 2019 war sie für vier Monate mit einem 14 Jahre
älteren Martial-Arts-Kämpfer verheiratet – „ich war jung und naiv“. 2023 wurde bei ihr die Hyperaktivitätsstörung ADHS festgestellt, das erklärt vieles. Gym und Golf sind Therapie.

„Ich bleibe mir einfach treu“

Ebenso der Griff zum Vape, später zur Zigarette, in ihrer Familie rauchen eh alle. Ein Foto von der U.S. Women’s Open 2024 zeigt Hull mit qualmender Kippe im Mundwinkel, wenig ladylike. Im Netz wurde sie umgehend zum weiblichen John Daly ernannt, doch „Big John“ trägt keine fellbesetzten Louis-Vuitton-Handtaschen und hat keinen Waschbrettbauch.

„Die Leute halten mich für ein Partygirl. Vielleicht liegt es daran, dass ich mich abseits des Golfplatzes schick kleide, blonde Haare habe und sehr offen bin“, vermutet die schillernde Schnellspielerin mit dem kraftvollen Schwung. „Aber ich bleibe mir einfach treu und sage unverblümt und frei heraus, wie ich die Dinge sehe.“ Genau das ist diese Charley Hull im Zirkus namens Profisport: von allem ein bisschen, vor allem sie selbst. Und das Haus ist auch abbezahlt.

Medianachweis: © Sportcomm/Getty Images

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