Wenn Nelly und Jessica Korda im selben Turnierfeld stehen, verändert sich die Wahrnehmung sofort. Nicht, weil sie das thematisieren würden, sondern weil es sich in Details zeigt: auf der Drivingrange, im Austausch zwischen den Runden und in der Selbstverständlichkeit, mit der sie nebeneinander existieren. „Es ist einfach schöner, wenn wir zusammen spielen“, sagte Nelly zuletzt rund um die Ford Championship.
Diese gemeinsame Präsenz ist allerdings seltener geworden. Schuld daran sind unterschiedliche Zeitpläne, Verletzungen, Formphasen – und jetzt eine weitere Veränderung: Jessica (33) erwartet ihr zweites Kind. Für die Tour bedeutet das eine Pause. Für ihr Verhältnis bedeutet es eine Verschiebung.
Gemeinsame Basis
Zwei Schwestern auf der LPGA Tour, beide mit Siegen und Ambitionen auf große Titel. Jessica, die sechsmalige LPGA-Siegerin, ist die früher Etablierte. Sie ist extrovertierter und emotionaler auf dem Platz. Nelly, die sechs Jahre jüngere Schwester, ist kontrollierter und konstanter. Sie hat inzwischen 18 Siege auf der LPGA Tour erzielt, davon drei bei Major-Turnieren, und ist seit ihrem Erfolg bei der Chevron Championship Ende April wieder die Nummer eins der Welt.
Der direkte Vergleich zwischen den Schwestern wurde lange eher von außen konstruiert als von ihnen selbst. Vor allem bei gemeinsamen Starts wurde die Konstellation immer wieder als Schwesternduell erzählt. Die Kordas selbst widersprachen dieser Lesart allerdings deutlich. „Alle wollen diese Rivalität zwischen uns aufbauen“, sagte Jessica. Natürlich gebe es Konkurrenz, erklärte sie, „aber letztendlich sind wir Schwestern. Wir sind beste Freundinnen.“
Eines ihrer prägendsten gemeinsamen Jahre auf der Tour war 2019, als sie beim Dow Great Lakes Bay Invitational zusammen spielten und anschließend darauf drängten, auch beim Solheim Cup gemeinsam eingesetzt zu werden. Als erstes Schwesternduo überhaupt bestritten sie Seite an Seite ein Solheim-Cup-Match. „Mit deiner besten Freundin zu spielen und dein Land zu vertreten“, sagte Nelly rückblickend, „das wird mich meine gesamte Karriere begleiten.“ Zwei Jahre später traten beide für die USA bei den Olympischen Spielen in Tokio an. Nelly holte Gold – und Jessica erlebte diesen Erfolg aus nächster Nähe mit.
Wettbewerb im Alltag
Der Wettbewerb zwischen den Schwestern entstand nicht erst auf der Tour. In der Familie gehörte er zum Alltag. Vater Petr ist Grand-Slam-Sieger im Tennis und Mutter Regina war ebenfalls Leistungssportlerin. Dazu kam der kleine Bruder Sebastian Korda, der sich inzwischen in der erweiterten Weltspitze der ATP-Tour etabliert hat. Golf, Tennis, Training – Leistung war jederzeit sichtbar. Dieses Prinzip übertrug sich auf die Karrieren der Schwestern.
Jessica beschrieb einmal, dass sie früh gelernt habe, mit Niederlagen im direkten Vergleich umzugehen. Nelly wiederum profitierte davon, sich an ihrer älteren Schwester orientieren zu können, die bereits auf der Tour angekommen war. Die Rollen waren klar verteilt – und veränderten sich mit der Zeit.

Austausch statt distanz
Trotz der Konkurrenz blieb der Austausch konstant. Während der Pandemie erzählten beide, wie sie sich mit kleinen internen Wettbewerben beschäftigten: Wer trifft mehr Putts? Wer gewinnt Challenges im Training? Dabei ging es weniger um Ernsthaftigkeit als um Gewohnheit: sich ständig zu messen.
Heute hat dieser Austausch eine andere Funktion. Nelly spricht offen darüber, dass die Gespräche mit Jessica ihr dabei helfen, den Fokus zu behalten. „Sie kennt die Situationen genau“, sagte sie mehrfach. Gemeint sind Druckphasen, Erwartungshaltungen und mediale Aufmerksamkeit. Der Vorteil liegt auf der Hand: Es braucht keine langen Erklärungen. Beide wissen, wovon die andere spricht.
Dass diese Struktur funktioniert, liegt auch am familiären Umfeld. In Interviews wird die Familie Korda häufig als außergewöhnlich eng beschrieben. Dabei ist weniger die emotionale Nähe entscheidend als die Klarheit im Umgang miteinander. Leistung wird benannt, Schwächen ebenfalls. Ohne Umschweife, ohne Dramatisierung. Das gilt sportartübergreifend – auch im Austausch mit Sebastian, der selbst den Vergleich zwischen Tennis und Golf zieht und immer wieder betont, wie ähnlich die mentalen Anforderungen sind.
Weniger direkte Duelle
Durch Jessicas zweite Schwangerschaft entfallen vorerst gemeinsame Turniere und direkte Vergleiche. Ihr Einfluss verschwindet jedoch nicht vollständig. Nelly betonte zuletzt, dass der Kontakt konstant bleibt. Gerade in Phasen, in denen sie viele Turniere spielt, sei dieser Austausch wichtig, um mental Abstand zu gewinnen.
Das wurde beim Turnier in Mexiko deutlich. Während Nelly auf dem Weg zu ihrem bereits dritten Saisonsieg war, wurde parallel die Nachricht von Jessicas Schwangerschaft öffentlich. Nelly reagierte mit spürbarer Freude auf die Nachricht. Sie liebt ihre Rolle als Tante. Bereits nach der Geburt ihres ersten Neffen Greyson hatte sie beschrieben, wie sehr sich ihre Sicht auf das eigene Leben verändert hatte. Golf bleibe zwar zentral, aber nicht exklusiv. Zwei Karrieren, die nicht parallel verlaufen müssen, um verbunden zu bleiben.
Medianachweis: ©Sportcomm/Getty Images