Die grüne Oase der Serenissima

Der traditionsreiche Circolo Golf Venezia hofft auf mehr Golftouristen

Henry Ford war maximal gefrustet. Für seinen penibel geplanten Besuch Venedigs im Spätsommer 1926 hatte der amerikanische ­Automobilproduzent im bes­ten und berühmtesten Hotel der gesamten Lagune eingecheckt, dem Excelsior on the Lido – selbstredend mit seinem edlen Golfbesteck im standesgemäß voluminösen Reisegepäck. 

Und ausgerechnet im nobelsten Luxushotel der Lagunenstadt, wo die Aristokratie ein und aus ging und dem verwöhnten Gast jeder noch so ausgefallene Wunsch förmlich von den Lippen abgelesen wurde, erlebte Henry Ford nun eine riesige Enttäuschung. Das Excelsior, musste ihm Hotelchef Conte Giuseppe Volpi di Misurata gestehen, konnte ihm keinerlei Golfanlage anbieten, weder auf dem Lido noch auf einer der anderen 117 Inseln und Inselchen der Laguna Veneta noch irgendwo sonst im 150-Kilometer-Umkreis der Serenissima. Golf? Zero, niente – sorry, Sir!

Spielwiese gesucht

Beim abendlichen Drink in der – noch heute existierenden – Blue-Bar des Excelsior bedurfte es freilich keiner großen Überredungskünste Henry Fords, um Conte Volpi zu überzeugen, dass die Zukunft des gehobenen Venedig-Tourismus davon abhing, ob die Lagunenstadt, ähnlich wie bereits Rom und Florenz, alsbald eine adäquate Spielwiese für Golftouristen werde anbieten können. Zusammen erkundeten der Autokönig und der Graf die gesamte 12 Kilometer lange, schmale Lido-Insel, die Venedig vor den in den Wintermonaten gelegentlich ungestümen Fluten der Adria schützt. Und sie wurden fündig bei ihrer Suche nach geeignetem Gelände für einen Golfplatz: ganz am Südzipfel der Insel, bei dem kleinen Ort Alberoni.

Dass die rund 100 Hektar, die der Autokönig und der Graf ins Auge fassten, in Staatsbesitz waren, machte die Sache umso einfacher. Der ein Jahr zuvor von König Vittorio Emanuele III. zum Conte di Misurata geadelte Giuseppe Volpi verfügte über beste Kontakte in die Hauptstadt Rom. Er war nicht nur maßgeblicher Unterstützer des „Duce“ Benito Mussolini, sondern drei Jahre lang – von 1925 bis 1928 – auch Finanzminister in dessen faschistischer Regierung. Doch nach diesem Intermezzo kehrte der Graf wieder zurück in seine Heimatstadt, wo er als „Letzter Doge von Venedig“ geradezu verehrt wurde.

Ab 27. August wieder Treffpunkt zahlreicher Hollywood-Größen: das Hotel Excelsior on the Lido.

Erste Filmfestspieleder Welt

1928 gründete Volpi zusammen mit zwei Dutzend anderen Aristokraten und Wirtschaftsgrößen der Lagunenstadt den ersten Golfclub der Region Venetien. Ein Teil der bis dato von einigen Bauern aus Alberoni genutzten Felder wurde in einen 9-Loch-Links-Course verwandelt. Im Frühsommer 1930 begann der Spielbetrieb auf dem Circolo Golf Venezia. 

Im selben Jahr übernahm der Conte die Präsidentschaft der Biennale von Venedig – und erweiterte diese seit 1895 zweijährlich stattfindende Ausstellung zeitgenössischer Kunst um eine Innovation, die sich als besonders segens- und ertragreich für den Tourismus in Venedig und insbesondere auf dem Lido erweisen sollte: 1932 und 1934 fanden auf der großen Terrasse und in den Sälen des Hotels Excelsior die weltweit ersten Filmfestspiele statt. Die Film-Biennale war auf Anhieb ein solcher Publikumserfolg, dass sie ab 1935 jährlich stattfand und dem Lido nun schon seit neun Jahrzehnten stets aufs Neue viel Scheinwerferlicht und Glamour garantiert. 

Viel Verkehr auf dem Canal Grande vor der Rialto-Brücke. An manchen Tagen wird Venedig von bis zu 150.000 Touristen überflutet.

Zum Parklandkursmutiert

Viele Festivalbesucher, die sich nicht nur auf dem roten Teppich, sondern auch auf dem grünen Rasen zu bewegen wussten, wie etwa die Filmstars Sean Connery und Clint Eastwood, ließen sich im Laufe der Jahre die eine oder andere Runde auf dem Circolo Golf am Südende des Lido nicht entgehen – zumal nach der Erweiterung des Platzes auf 18 Loch 1951 (Par 72, 6.199 Meter von den Championship-Abschlägen). Dank umfangreicher Neuanpflanzungen mit Weiden, Pappeln, Seekiefern, Ahorn- und Maulbeerbäumen mutierte der Circolo zu jenem zauberhaften Parklandkurs, den sich Henry Ford seinerzeit wohl gewünscht hätte. 

Zeigen, wie hier vor fast 100 Jahren alles anfing: Golfmanagerin Mariapaola Prosdocimi und Club-Veteran Giorgio Gorin.

Mehrfach war der Lido-Kurs, der regelmäßig zu den zehn schönsten und bestgepflegten Golfplätzen Italiens gezählt wird, Austragungsort der Italian Open. Champions wie Arnold Palmer, Sam Torrence, Lee Trevino, Constantino Rocca und Severiano Ballesteros hinterließen ihre Spuren auf dem sandigen Untergrund des Circolo. 

Das venezianischeProblem

Und doch ist der Platz, von dem es heißt, er verkörpere venezianische Tradition und Eleganz, heute auch ein Sorgenkind. Der Circolo Golf Venezia leidet auf eine sehr spezifische Art und Weise unter einem ähnlichen Problem wie die Stadt selbst: So wie seit Jahrzehnten die Einwohnerzahl Venedigs schrumpft – von rund 170.000 in den Fünfzigerjahren auf aktuell unter 50.000, während sich die Zahl der Touristenbetten seit 2008 gut verfünffacht hat –, schmilzt seit knapp zwei Jahrzehnten die Mitgliederzahl des Golfclubs auf dem Lido wie italienisches Gelato in der Sonne. 

Waren es vor 20 Jahren noch rund 500 zahlungskräftige Mitglieder aus Venedigs besten Kreisen, hat sich diese Zahl, wie Clubmanagerin Maria­paola Prosdocimi unumwunden zugibt, seither auf 240 mehr als halbiert. Nicht nur sind zahlreiche Mitglieder im Laufe der Jahre gestorben oder haben wegen der stark gestiegenen Immobilienpreise die Stadt verlassen.

Die Terrasse des urgemütlichen, alten Clubhauses hat schon viele illustre Gäste erlebt — nicht zuletzt während der Filmfestspiele.

Exklusivität verloren

Längst hat der Golfplatz in Alberoni, zu dem die Anfahrt mit dem Vaporetto über die Lagune und anschließend dem Lido-Linienbus nach Alberoni knapp anderthalb Stunden dauert, auch seine Exklusivität in der Region Venetien verloren. Wer ohnehin auf dem Festland wohnt, hat heute die Qual der Wahl zwischen etlichen nicht minder attraktiven und mit dem Auto erreichbaren Golfplätzen wie Villa Condulmer, Padua oder Ca’ della Nave, den kein Geringerer als Arnold Palmer entworfen hat. 

Die Clubmanagerin bemüht sich um nachhaltige Kooperationen mit Golfreise-Veranstaltern sowie um attraktive Package-Deals mit Hotels in Venedig und insbesondere auf dem Lido, um mehr Touristen anzulocken und die Greenfee-Einnahmen deutlich zu steigern.

Die Grüns der Bahnen 9 und 18 liegen innerhalb der alten Festungsmauern aus der habsburgischen Epoche Venedigs.

„Back to the roots“?

Es scheint, als sei der Circolo Golf Venezia, den geänderten Umständen gehorchend, auf dem Weg „back to the roots“, wie er von seinem Gründer, dem Conte di Misurata, gedacht war: als Golfplatz vor allem für Touristen und als zusätzliche Attraktion, um deren durchschnittliche Aufenthaltsdauer in Venedig zu verlängern. Gäste der Serenissima, die, wie vor knapp hundert Jahren der amerikanische Autokönig, ihr Golfbesteck im Reisegepäck haben (oder mit guten Leihschlägern auf die Runde gehen), sind heute willkommener denn je. Und sie werden garantiert nicht enttäuscht wie einst Henry Ford, der erkennen musste: Auch wer zu früh kommt, den bestraft das Leben.

Medianachweis: © Circologolfvenezia, © W. Weber, © W. Weber(4)

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