ls Francesco Molinari im Sommer 2018 die Open Championship in Carnoustie gewann und wenige Wochen später beim Ryder Cup in Paris zum dominierenden Spieler wurde, stand plötzlich ein italienischer Golfer im Mittelpunkt der internationalen Öffentlichkeit. Die Bilder jener Monate gehören inzwischen zur europäischen Golfgeschichte. Für Francesco selbst war der Weg dorthin allerdings keine Einzelgeschichte. Denn lange Zeit galt in der Familie Molinari nicht er, sondern sein älterer Bruder Edoardo als das größere Talent.
Der knapp zwei Jahre ältere Bruder Edoardo war zunächst der erfolgreichere Amateur, der frühere Nationalspieler und der erste Molinari, der sich auf internationalem Niveau etablierte. Als Francesco begann, internationale Turniere zu spielen, lief er seinem Bruder hinterher – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. „Alles, was mein Bruder konnte, wollte ich auch können“, beschrieb Francesco später die Dynamik ihrer Jugend. Die Geschichte der Molinaris beginnt deshalb nicht mit Major-Titeln oder Ryder Cups, sondern auf einem Golfplatz in Turin.
Der ältere Bruder geht voran
Die Brüder wuchsen im Circolo Golf Torino, einem der traditionsreichsten Golfclubs Italiens, auf. Ihr Vater Paolo war Ingenieur und die Familie hatte weder einen professionellen Golfer als Vorbild noch direkten Zugang zum internationalen Spitzensport. Edoardo begann früher mit dem Golfspielen und wurde schnell zum Orientierungspunkt für den jüngeren Bruder. Francesco beobachtete ihn, kopierte ihn und versuchte aufzuholen.
Diese Rollenverteilung blieb lange bestehen. Edoardo gewann 2005 die U.S. Amateur Championship und gehörte zu den besten Amateuren der Welt. Im selben Jahr holten die Brüder gemeinsam den Titel bei der Amateur Team Championship für Italien. Zu diesem Zeitpunkt sprach wenig dafür, dass sich ihre Karrieren später umkehren würden. Während Edoardo zunächst als das größere Talent galt, entwickelte sich Francesco langsamer, aber kontinuierlicher. Die Brüder beschrieben ihre Unterschiede später selbst recht nüchtern: Edoardo sei direkter, impulsiver und offensiver gewesen, Francesco dagegen analytischer, ruhiger und methodischer.

Der gemeinsame Aufstieg
Der entscheidende Unterschied zu vielen anderen Geschwisterpaaren im Sport ist, dass die Molinaris ihre wichtigsten frühen Erfolge gemeinsam feierten. 2009 gewannen sie für Italien den World Cup of Golf und schlugen dabei Mannschaften mit deutlich größeren Namen und Golftraditionen. Für das italienische Golf war dieser Erfolg mehr als nur ein Turniersieg. Italien verfügte damals weder über eine lange Profihistorie noch über eine relevante Präsenz auf den großen Touren. Die Molinaris veränderten diese Wahrnehmung.
Ein Jahr später folgte der nächste Schritt. Beim Ryder Cup 2010 in Celtic Manor waren Francesco und Edoardo das erste europäische Brüderpaar seit den britischen Whitcombe-Brüdern in den 1960er-Jahren, das gemeinsam für Europa spielte. Captain Colin Montgomerie setzte die beiden in den Vierern zusammen ein. Die Entscheidung war naheliegend. Kaum zwei Spieler kannten die Routinen, Entscheidungsprozesse und Reaktionen des jeweils anderen besser. „Wir mussten auf dem Platz nicht viel sprechen“, erinnerte sich Edoardo später. Viele Entscheidungen seien selbstverständlich gewesen, da sie beide über Jahre hinweg dieselben Situationen gemeinsam erlebt hatten. Europa gewann den Ryder Cup. Für die Molinaris blieb weniger die Trophäe als die gemeinsame Erfahrung in Erinnerung.
Unterschiedliche Richtungen
Die Jahre danach verliefen für die Brüder sehr unterschiedlich. Während Francesco sich dauerhaft auf der europäischen Tour etablierte, Turniere gewann und sich Schritt für Schritt zu einem der konstantesten Spieler seiner Generation entwickelte, kämpfte Edoardo immer wieder mit Verletzungen und gesundheitlichen Problemen. Zwar gewann er 2010 die Scottish Open und stand zeitweise in den Top 20 der Weltrangliste, doch Rückenprobleme und später eine Handverletzung bremsten seine Entwicklung immer wieder aus.
Während Francesco seine beste Phase noch vor sich hatte, musste Edoardo seine Karriere mehrfach neu organisieren. Dadurch veränderte sich die Dynamik zwischen den Brüdern zwangsläufig. Aus dem älteren Bruder als Vorbild wurde zunehmend ein Berater. Francesco selbst sprach mehrfach darüber, wie ungewöhnlich sich diese Verschiebung angefühlt habe. Plötzlich war der Spieler, zu dem er früher aufgeschaut hatte, derjenige, der ihm bei Entscheidungen half.
Daten statt Distanz
Edoardo begann schon früh, sich intensiv mit Statistik und Leistungsanalyse zu beschäftigen. Schon lange bevor Datenmodelle und Strokes Gained auf den großen Touren zum Standard wurden, analysierte er Schlagmuster, Wahrscheinlichkeiten und Matchplay-Situationen. Francesco profitierte unmittelbar davon. Viele strategische Entscheidungen seiner erfolgreichsten Jahre entstanden im Austausch mit seinem Bruder. Als Francesco 2018 die Open Championship gewann und wenige Wochen später mit fünf Punkten aus fünf Matches zum Gesicht des europäischen Ryder-Cup-Erfolgs in Paris wurde, arbeitete Edoardo bereits seit einiger Zeit regelmäßig im Hintergrund mit.
Wieder vereint
Heute sind die Brüder wieder Teil desselben Ryder-Cup-Teams. Edoardo gehört seit Jahren zum engsten analytischen Beraterkreis Europas. Gemeinsam mit seinem Bruder war er bereits bei den Erfolgen 2023 in Rom und 2025 in Bethpage Teil des Backroom-Teams von Luke Donald. Für den Ryder Cup 2027 in Adare Manor kehren die beiden Brüder in offizieller Funktion ins europäische Team zurück. Die Rollen haben sich verändert. Aus dem älteren Bruder als Vorbild wurde zunächst ein Konkurrent, später ein Berater und heute ein Kollege im Hintergrund des europäischen Teams. Die Molinaris haben ihre größten Momente häufig gemeinsam erlebt – erst als Spieler auf dem Platz, inzwischen daneben.
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