Golf wie zu Uropas Zeiten — und ein Festmenü von 1912

Club-Jubiläen und Hickory-Golfturniere passen perfekt zusammen.

m Anfang waren wir nur zu dritt, mein Freund Andreas Hippe, seine Frau und ich; und wir sind von vielen belächelt worden, wenn wir da mit unseren altmodischen Schlägern und Klamotten über den Platz gerannt sind“, erinnert sich Klaus Andree an seine ersten, noch etwas holprigen Runden als Hickory-Golfer im Golfclub Kallin bei Berlin. Und dann ergänzt er mit einem breiten Gewinner-Schmunzeln: „Aber mittlerweile ist es so, dass viele nicht mehr lächeln, sondern selbst angefixt sind und sich auch Hickory-Schläger und dazu passende Golfkleidung besorgt haben.“  

Auf mehr als 30 Aktive ist der Kalliner „Freundeskreis ­Hickory“ in den vergangenen Jahren angewachsen – mittlerweile die größte regionale Anhängerschaft der traditionellen Variante des klassischen Golfsports in Deutschland. Mehrmals pro Saison finden auf der Anlage nordwestlich der Hauptstadt spezielle Hickory-Turniere statt, so in diesem Jahr schon die
7. Berlin Open Hickory Championship, die regelmäßig Spieler aus ganz Deutschland anzieht. Die Turniere ver­mitteln das Gefühl ­einer kleinen Zeitreise, zurück in die (angeblich) „Goldenen Zwanziger Jahre“ des vergangenen Jahrhunderts. 

Die Community wächst

Dafür gelten in ganz Europa strenge Regeln. „Im Hickory-­Golf sind nur Original­schläger zugelassen, deren Schäfte aus Hickory-Holz bestehen und die vor 1935 hergestellt wurden“, erläutert Christoph­ Meister, der Captain der German Hickory Golf Society, die langsam, aber beständig wächst und mittlerweile über 150 Mitglieder zählt – neben Berlin-Brandenburg insbesondere in Hamburg, Köln und in Konstanz am Bodensee. Bis zur Legalisierung von Stahlschäften im Jahr 1929 waren alle Golfschläger-Schäfte aus dem harten und zugleich elastischen Holz des Hickorybaums, einer aus Nordamerika stammenden Nussbaumart.

In der Frühzeit des Golfsports trugen die Schläger auch keine Nummern wie heute, sondern klangvolle Namen wie Cleeks (lange Eisen für weite Schläge), Mashies (vergleichbar mit mittleren Eisen), Niblicks (ähnlich heutigen Wedges) sowie Brassies und Spoons (Holzschläger für Abschläge und Fairway-Schläge). Nur der Putter hieß schon immer Putter. Ein komplettes Set besteht aus nicht mehr als fünf bis sieben Schlägern im nostalgisch anmutenden Tragebag. 

„Für erfahrene Spieler liegt der Reiz vor allem in der ­Präzision und Technik, die Hickory-Golf erfordert“, erläutert Christoph Meister. „Die Schläger haben einen kleineren Sweetspot, also weniger Verzeihungsspielraum, sodass Faktoren wie Schwungtempo, Ballkontakt und Kontrolle stärker in den Vordergrund treten. Dies macht Hickory-Golf anspruchsvoll und befriedigend – es ist, als ob man das Golfspiel nach vielen Jahren neu entdeckt.“  

Oldtimer von 1930

Der Nostalgie-Look beginnt oft schon auf dem Parkplatz vor dem Clubhaus: Viele­ ­Hickory-Golfer sind auch ­leidenschaftliche Oldtimer-Fans, tuckern bisweilen in einem alten Horch oder einem in die Jahre gekommenen Mercedes-Cabriolet zum Turnier. Oder, wie Klaus Andree, mit einem Ford Model A Panel Delivery, Baujahr 1930. Der historische Lieferwagen ist zugleich rollendes Werbeplakat für „Retronia“, sein Fachgeschäft für Retro-­Bekleidung in Berlin-Wilmers­dorf. 

Auch Oldtimer-Autos sind gern gesehen bei den Turnieren der größten deutschen Hickory-Community in Kallin bei Berlin.

Dort bietet Andree in großer Auswahl alle textilen Schätze an, die das Hickory-Golfer-Herz sowie Oldtimer-Freunde­ begehren: Schiebermützen, Jackets, Hemden mit Fliegen oder Krawatten, dazu die unvermeidlichen Knickerbocker sowie Kniestrümpfe mit schottischem Rautenmuster für die Herren der Schöpfung, lange Röcke, ausladende viktorianische Hüte und viele weitere zeitgenössische ­Accessoires für die Damen. 

Historisches Menü im Kurhaus

Sogar noch ein Stück weiter zurückversetzt fühlen als „nur“ in die Golden Twenties konnten sich die Teilnehmer und Gäste der German Open Hickory Championship 2026, die Mitte August im altehrwürdigen Golf Club Baden-Baden ausgetragen wurde – auf einem Par-64-Golfplatz, der sich bis auf wenige ­Änderungen noch heute so präsentiert, wie er „anno dunnemals“ von dem vor allem in Italien und der Schweiz bekannten Golfarchitekten Peter Gannon entworfen wurde.

Beim Galaabend im aus dem 19. Jahrhundert stammenden Kurhaus zu Baden-Baden wurde ein köstliches 5-Gänge-Menü serviert, unter anderem mit pochiertem Wildlachsfilet und „Poularde Suprème à la Chatelaine“; es handelte sich um eine stilgetreue Neuauflage jenes Menüs, das etliche Generationen zuvor an gleichem Ort die Golferinnen und Golfer bei den German Open im August 1912 hatten genießen dürfen. Those were the days …

Nur mit vor 1935 gefertigten Originalschlägern darf Hickory-Golf in Europa gespielt
werden: Teilnehmer der German Open Championship in Baden-Baden im Einsatz.

Teilnehmer aus acht Nationen

Insgesamt 51 Herren und 21 Damen gingen in Baden-Baden auf die zwei 18-Loch-Runden – trotz schweißtreibender Temperaturen bis 36 Grad in perfekter ­Retro- ­respektive Vintage-Montur.­ Wie jedes Jahr hatten die German Open auch Golferinnen und Golfer aus zahlreichen anderen Nationen angelockt, in denen Hickory-Golf sich einer wachsenden Anhängerschaft erfreut, so aus Schottland, England, den Niederlanden, Polen, Tschechien und sogar Mexiko. 

Am besten mit dem anspruchsvollen Platz und den Wetterbedingungen zurecht kam der Schweizer Profi­ ­Paolo Quirici, der mit einer 65er-und eine 67er-Runde (bei Par 64) seinen Champion-Titel aus dem Vorjahr verteidigte und somit den aus der Golf-Frühzeit stammenden prachtvollen Tanfani-di-Montalto-Silberpokal – plus Preisgeld – wieder mit ins Tessin nehmen konnte. Nicht minder gefeierter Amateur-Champion wurde Klaus Sasse vom GC Kallin – mit stolzen 84 Jahren einer der Senioren des Teilnehmerfeldes.

Gelegentlich dient eine Hickory-Meisterschaft auch als Tauschbörse für die rund
100 Jahre alten Schläger, die zumeist aus Schottland oder England stammen.

Zum Club-Jubiläum nach Semmering

Dass der GC Baden-­Baden diesmal aus Anlass seines 125-jährigen Bestehens – bereits zum fünften Mal nach 1911, 1912, 1930 und 2015 – Austragungsort der (2009 wiederbelebten) deutschen Hickory-Meisterschaft war, ist wiederum Teil einer schon liebgewonnenen Tradition: Club-Jubiläen und Turniere im Look der Gründerzeit passen ideal zusammen. Im ­vorigen Jahr hatten die German Open im Golfclub auf der Nordseeinsel Föhr gastiert, der damit sein 100-jähriges Bestehen feierte. Im vergangenen Juli gab es den „Kaiserin Elisabeth Hickory Cup“ aus Anlass 100 Jahre Golf-Club Feldafing in Bayern.  

Ebendiesen runden Geburtstag feiert heuer auch der Golfclub Semmering mit dem ältesten in seiner Originalform bespielbaren Golfplatz Österreichs. Am 19. September steigt dort aus diesem Anlass die Austrian Open Hickory Championship mit anschließender festlicher Gala im Südbahnhotel Semmering. Die internationale Hickory-Community – inklusive des Kalliner Freundeskreises – wird auch dort stark vertreten sein, mit einigen gewienerten Oldtimer-Autos, gut geölten Golfschlägern und festlichem Outfit. Und auch fürs kommende Jahr ist schon vorgesorgt: Dann feiern der Kärntner Golf-Club Dellach und der Stuttgarter Golf-Club Solitude ihr 100-Jahr-Jubiläum; keine Frage, wo die Austrian respektive die German Open Hickory Championship 2027 stattfinden werden … Schönes Spiel! 

Medianachweis: © Lesemann/GHGS, © Lesemann/GHGS(2)

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