Haltung statt Hader

Esther Henseleit und das Play-off-Pech bei der Women’s Open

Größe im Moment der Enttäuschung: „Ich bin sehr glücklich darüber, wie ich mir heute die Möglichkeit gegeben habe zu gewinnen, und wie ich mit der Situation umgegangen bin“, resümierte Esther Henseleit nach dem denkwürdigen Play-off von Royal Lytham & St Annes. Die Deutsche hatte die Hand am Pokal der AIG Women’s Open, der Sieg wäre eine größere Sensation gewesen als die olympische Silbermedaille von Paris 2024 und eine ähnliche Überraschung wie Sophia Popovs Open-Triumph 2020. Aber es sollte nicht sein.

Weil Henseleits Ball beim zweiten Extraloch des Stechens gegen die Japanerin Shiho Kuwaki nach einem verzogenen Abschlag in eine Zuschauergruppe flog und offenbar von der Wade eines Marshals nahezu unspielbar in den Stechginster hinter dem Rough sprang. Die 27-Jährige konnte bloß heraushacken, musste schließlich ein Bogey notieren. Damit war der Weg frei für Kuwaki (23), die als Gast von der Japan LPGA Tour an England’s Golf Coast im Nordwesten gekommen war, so souverän zum Par lochte wie sie den gesamten Sonntag gespielt hatte und bei der 50. Auflage des Klassikers völlig verdient ihren ersten Majortitel holte, für den es 1,5 Millionen des Rekordpreisgelds von zehn Millionen Dollar gab.

Henseleit hätte mit der Situation hadern können, doch sie zeigte Haltung: „Das war einfach Pech. So ist Linksgolf. Und es gibt viele Dinge, auf die ich heute stolz sein kann.“ Beispielsweise auf jenen ellenlangen und fast unwahrscheinlichen Birdie-Putt auf dem 72. Grün, mit dem sie das Play-off überhaupt erst erzwungen hatte. „Allein an diesen Moment werde ich mich gewiss noch sehr lange erinnern“, sagte sie. Dennoch: „Wir spielen jede Woche unter Druck. Natürlich ist die Bühne bei einem Major größer, aber am Ende ist es trotzdem nur Golf.“ Und wenn es eine Situation gab, in der sie diese Open tatsächlich weitgehend aus der Hand gegeben hatte, dann war es lange zuvor das unnötige Bogey auf Bahn 16, das sie die mit Kuwaki geteilte Führung kostete. Hätte, wäre, wenn …

Sei’s drum, Deutschlands Nummer eins konnte erhobenen Haupts die Bühne verlassen: mit dem besten Major-Ergebnis der Karriere, einem Scheck über 994.669 Dollar, dem Sprung auf Platz 19 der Weltrangliste und nicht zuletzt der direkten Qualifikation als Mitglied von Europas Equipe für den Solheim Cup vom 11. bis 13. September bei Bernardus Golf in den Niederlanden, dem absoluten Höhepunkt der Damengolfsaison. Die schwedische Kapitänin Anna Nordqvist hat gestern ihr Aufgebot rund um Charley Hull als Leader of the Gang bekanntgegeben. Neben Hull und Henseleit sind das Lottie Woad, Maja Stark, Linn Grant, Celine Boutier, Carlota Ciganda, Nanna Koerstz Madsen sowie Leona Maguire, Julia Lopez Ramirez, Nastasia Nadaud und Mimi Rhodes als Captain’s Picks.

Medianachweis: ©Sportcomm/GettyIamges

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