Kaiser Franz und die kleinen Bälle

Es gibt Legenden – und Menschen, die noch mehr sind. So wie der „Kaiser“ Franz Beckenbauer.

Franz Anton Beckenbauer erblickte das Licht der Welt am 11. September 1945. Man kann es gar nicht anders sagen: Bis er es sich am 7. Jänner dieses Jahres mit Diego Maradona oder George Best auf einer Wolke gemütlich machte, um über Fußball zu philosophieren, erlebte er in nur einem Leben Dinge, für die Otto Normalverbraucher mehrere Leben bräuchten. Der „Kaiser“, wie er ehrfurchtsvoll genannt wurde, hatte aber nicht nur als Libero einen enormen Impact auf den großen Lederball, sondern hat auch einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf den Golfsport.

Der Fussballer

Vornweg: Kaiser wurde er genannt, weil er einen Fußballkollegen von Schalke namens König in Schach hielt. Der kleine Franz lernte das Sporteln beim SC 1906 München, in Giesing, in der Nähe seines Elternhauses. Als er zwölf Jahre alt war, wollte er 1958 zum TSV 1860 München wechseln. Als er während eines Spiels gegen ebenjenen Verein mit dem Gegenspieler Gerhard König aneinandergeriet und dieser ihm eine Ohrfeige gab, änderte Beckenbauer seine Pläne und wechselte stattdessen zum FC Bayern München. Im Alter von 18 Jahren debütierte er 1964 für die Bayern. Er war bis 1983 aktiv, gewann vier Meistertitel mit seinem Stammverein und holte vier Mal den Pokal, gewann dreimal den Pokal der Landesmeister, einmal jenen der Pokalsieger und kürte sich 1976 zum Weltpokalsieger. Einmal gewann er den Titel mit dem Hamburger SV. Dazu kommen noch drei Titel in der North American Soccer League mit New York Cosmos. Mit der Nationalmannschaft wurde er 1972 Europa- und 1974 Weltmeister. Dazu kommen noch zwei zweite und ein dritter Platz bei Großereignissen.


Franz Beckenbauer beim Gewinn des WM-Titels 1974.

Der Trainer

In weiterer Folge wirkte er als Nationalteam- und Klubtrainer. 1986 wurde Deutschland unter ihm Vizeweltmeister, vier Jahre später holte er die begehrte Trophäe. Er war zudem in Frankreich bei Olympique Marseille, danach folgten noch eine deutsche Meisterschaft 1994 mit den Bayern sowie ein UEFA-Cupsieg 1996. Er ist neben Mário Zagallo und Didier Deschamps der Einzige, der sowohl als Spieler als auch als Trainer Weltmeister wurde. Danach folgte eine Funktionärskarriere. So war er unter anderem von 1994 bis 2009 Bayern-Präsident, stand dem Organisationskomitee der WM 2006 in Deutschland vor, von Jänner 2007 bis Juni 2011 war Beckenbauer Mitglied des FIFA-Exekutivkomitees. Darüber hinaus war er noch ein beliebtes Werbetestimonial, unter anderem für Knorr, E-Plus oder O2. Zudem trat er öfters im Fernsehen auf. Doch es gab auch Schatten. So verlegte er seinen Wohnsitz aus steuerlichen Gründen, es gab auch Korruptionsvorwürfe rund um die WM 2006 oder wegen weiterer Honorare. Wie gesagt, viel für ein einziges Menschenleben. In den 80er-Jahren verfiel er letztlich dem Golfsport und blieb ihm treu. Dabei spielte er lieber etwas anderes.

Der Golfball

Die Liaison mit dem kleinen weißen Ball begann eigentlich mit der gelben Filzkugel. Mit seinem Freund Alois Hartl spielte der Kaiser  unzählige  Tennismatches. „Und weil der Franz nie eine Chance gegen mich hatte, sagte er irgendwann mal: ,Lass uns  Golf  spielen‘“,  erinnerte sich Hartl. Und schon war es um Beckenbauer geschehen. Die beiden nahmen teil, spielten um alles Mögliche, Geld oder eine Jause. Es entstand die Idee, eigene Plätze zu bauen. Es war die Zeit der großen Erfolge von Tennis- Ass Boris Becker und Golfsport- Legende Bernhard Langer. Letzterer  wurde  von  Hartl  dafür gewonnen,  die Plätze Beckenbauer,  Brunnwies  und  Jaguar (heute Porsche) zu entwerfen. Bad Griesbach entwickelte sich zum größten Golfresort Europas, ein Eldorado für die Reichen und Schönen aus ganz Deutschland. Beckenbauer spielte Promiturniere mit Becker und Tiger Woods, war leidenschaftlich. Er soll schon einmal den Schläger geworfen haben.

Der „Kaiser“ golfte gerne und sehr, sehr lange.

Der Sir

Es gibt bis heute wohl kaum einen Golfclub in Bayern, der nicht eine Beckenbauer-Geschichte zu erzählen hat. Eine von vielen lustigen: Zu seinem 50. Geburtstag sollte er auf der Jubiläums-Golfrunde in Bad Griesbach mit versteckter  Kamera  reingelegt werden. Man organisierte extra eine Gruppe Japaner, die absichtlich das Spiel mit zahlreichen kuriosen Aktionen verlangsamten. Ein Filmteam wartete auf den Wutausbruch des Kaisers. Der blieb aber cool, ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und brachte die Show-Verantwortlichen an den Rand der Verzweiflung.

Die Stiftung

Zurück zur High Society. Diese spannte Beckenbauer gewissermaßen ein, veranstaltete mit seiner Franz-Beckenbauer-Stiftung legendäre Turniere. Einmal im Jahr traf man sich. Die gemeinnützige Organisation hat sich zur Aufgabe gemacht, ideelle und finanzielle Hilfe für Menschen mit Behinderung und Personen, die krank oder unverschuldet in Not geraten sind, zu leisten. Er hatte die Stiftung nach seinem Abschied aus dem aktiven Fußballsport am 15. Mai 1982 in Hamburg gegründet und mit einem Stiftungskapital von einer Million D-Mark ausgestattet. Beckenbauer konnte darüber hinaus namhafte Sponsoren wie den FC Bayern München, Adidas, Premiere und Volkswagen an die Stiftung binden. Als Stiftungsvorstand agiert Heidrun Beckenbauer. Bis zu seinem Tod war auch Franz Beckenbauer Vor- standsmitglied. Zum Stiftungsrat gehören Werner Leitner (Vor- sitzender), Karl Hopfner (stellv. Vorsitzender), Thomas Beckenbauer, Reinhard Böker, Christian Chaussy, Herbert Henzler, Dietmar Hopp, Herbert Hainer, Karl Singer, Stefan Keitel und Günter Netzer.

Das Vermächtnis

Im Sommer 2022 konnte er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr an seinem Turnier teilnehmen. Am 7. Jänner musste die Familie mitteilen: „In tiefer Trauer teilen wir mit, dass mein Mann und unser Vater Franz Beckenbauer am gestrigen Sonntag im Kreise seiner Familie friedlich eingeschlafen ist.“ Beckenbauer prägte nicht nur den Fußball über mehr als ein halbes Jahrhundert, sondern war auch danach ein unermüdlicher Botschafter für den Golfsport, nutzte seine Kontakte zudem dafür, diese Welt ein kleines bisschen besser zu machen.

Medianachweis: Sportcomm / Getty Images

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