(K)Eine Chance für Golf als Sport in der Rehabilitation?

Der erste Anlauf ging schief – aber es gibt noch Hoffnung.
Zweimal wöchentlich kommen Reha-Patienten zur Gruppentherapie nach Prenden zu Golflehrer Michael Lins (Mitte).

Tino Reinhard weiß, dass er eine gehörige Portion Glück im Unglück gehabt hat. Nach einem Gott sei Dank rechtzeitig erkannten Riss in der Aorta lag der 64-Jährige aus einem Dorf bei Coburg in Oberfranken volle vier Wochen in kritischem Zustand in einer Münchner Spezialklinik für Gefäßkrankheiten, ehe der behandelnde Arzt Entwarnung geben und ihm mitteilen konnte: „Sie sind dem Tod gerade noch mal von der Schaufel gesprungen.“

Anschließend wurden Reinhard vier Rehakliniken zur Auswahl angeboten, „im Ruhrpott, in Bad Nauheim, an der Ostsee und die Klinik am Wolletzsee in Brandenburg – die hab ich dann gewählt, und ich find’s gut hier!“ Das liegt zum einen an der idyllischen Lage der auf kardiologische Rehabilitation spezialisierten Einrichtung der Gesellschaft für Leben und Gesundheit (GLG) am See inmitten des Biosphärenreservats Schorfheide-Chorin, insbesondere aber an der breiten Palette von Therapieangeboten während der drei- bis vierwöchigen stationären Reha-Phase. 

Golf als Ausdauersport

Zu den Highlights für Tino Reinhard zählt der wöchentlich zweimalige Ausflug mit sieben anderen Reha-Patienten und einem Therapeuten zur Golfanlage Prenden bei Berlin. Nach Gymnastik und Auflockerungs­übungen wird dort in der Gruppe geputtet und unter fachkundiger Anleitung des Golflehrers und Sportwissenschaftlers Michael Lins auf der Drivingrange geübt. Anschließend werden Tragebags geschultert und die Patienten dürfen in Vierer-Flights ihr Anfängerglück auf ein paar Löchern der 9-Loch-Übungsanlage austesten, ehe es nach mehreren Stunden im Minibus wieder zurückgeht an den Wolletzsee. 

Seit zehn Jahren funktioniert die Kooperation der GLG-Rehaklinik mit Michael Lins und der Golfanlage in Prenden bestens. Nach zweijähriger Corona-Pause wurde sie in diesem Frühjahr wieder aufgenommen. „Golfen als Ausdauersport ist eine wunderbare Ergänzung unserer Therapieangebote. Unsere Ärzte und Therapeuten sind überzeugt von diesem Sport im Rahmen der Therapie insbesondere von Herzpatienten“, unterstreicht Chris­tina Walsh, die Geschäftsführerin der Klinik. Golf eigne sich hervorragend für Gruppentherapie, verursache keine übermäßige körperliche Belastung der Patienten und berge im Vergleich zu anderen, „klassischen“ Therapieformen eine wesentlich höhere Chance auf Nachhaltigkeit. Christina Walsh: „Die wird am besten erreicht, wenn der Patient Freude an Aktivitäten aus der stationären Rehabilitation hat und diese später freiwillig in seinen Alltag übernimmt.“ 

Erfolgreiche Langzeitstudie

Exakt dies propagierte vor drei Jahren auch der damalige Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands RehaSport Deutschland (RSD), Thomas Roth: „Sinn und Zweck des Reha-Sports ist es letztlich, Menschen zu bewegen und zum dauerhaften Sporttreiben zur Stärkung ihrer Gesundheit zu motivieren. Im Idealfall findet man eine Sportart, die den Menschen Spaß macht – möglichst für den Rest ihres Lebens.“

Genau dies glaubten Roth und seine Mitstreiter in Kooperation mit Michael Lins gefunden zu haben. Betroffene sollten in Reha-Sportgruppen auf einer Golfanlage an den Golfsport herangeführt werden. Denn Lins hatte in einer Langzeitstudie nachgewiesen, dass der Golfsport mindestens ebenso gut, wenn nicht besser als Nordic Walking zur Nachhaltigkeitssteigerung der Genesung von Herzkreislauf-Erkrankungen beitragen kann. Darüber hinaus hatte die Studie ergeben, dass über die Hälfte der Teilnehmer nach einem Jahr noch aktiv waren und viele dem Golfsport treu blieben. 

Hoffnungsvoll lud der RSD im Herbst 2021 zu einem ersten Lehrgang „Rehabilitationssport für Golftrainer“ nach Prenden ein. Immerhin zwölf Golflehrer aus ganz Deutschland nahmen teil, ebenso Markus Lawatsch, der Projektleiter Golf und Gesundheit beim Deutschen Golf Verband (DGV), der später noch eine Zoom-Veranstaltung zu diesem Thema mit initiierte. Dabei ließen sich mehrere Dutzend Golflehrer über das Thema informieren. Für 2022 wurden etliche Lehrgänge in verschiedenen Regionen des Landes angekün­digt, bei denen die Ausbildung von  Golflehrern zu Übungsleitern für Rehabilitationssport geplant war. Seinerzeit zeigte sich Michael Lins aufgrund der ausnahmslos positiven eigenen Erfahrungen super optimistisch: „Grundsätzlich sollte in Zukunft auf mindestens 80 Prozent aller Golfanlagen Reha-Sport angeboten werden.“

Eisiger Gegenwind

Doch die Anfangseuphorie erlosch schnell wie eine Kerze im Sturm. In der Branche selbst hielt sich die Begeisterung in Grenzen. Zu kompliziert sei anscheinend die notwendige Zusammenarbeit mit Kassenärzten und den Sozialleistungsträgern (Krankenkassen, Berufsgenossenschaften und Rentenversicherungsträgern), zu viel bürokratisch-organisatorischer Aufwand angesichts des ohnehin grassierenden Personalmangels bei Golfanlagen und Golfschulen, zu unsicher die Zugewinnmöglichkeiten durch das zusätzliche Geschäftsfeld Reha-Sport. 

Eisiger Gegenwind blies dem RSD vonseiten betroffener anderer Verbände entgegen. Andere Reha- und Behindertensport-Verbände und die gesetzlichen Sozialleistungsträger formierten sich zu einer geschlossenen Mauer des Widerstands gegen das Projekt. Rehasport darf zwar seit einigen Jahren sehr wohl auch im Freien – und somit auch auf einer Golfanlage – durchgeführt werden. „Golf als Reha-Sport“ erteilten die Verbände jedoch eine eindeutige Absage. Anfang August 2022 sah sich der RSD zu einer „Klarstellung“ in Form einer Presseerklärung genötigt: „Golf ist keine von den gesetzlichen Sozialversicherungsträgern finanzierte Rehabilitationssportart.“ 

Mittlerweile scheut man das Thema wie der Teufel das Weihwasser. Auf Anfrage der GolfWeek teilte die aktuelle RSD-Vorständin Sabine Knappe äußerst knapp mit: „Wir verfolgen diese Thematik nicht weiter.“ Dies habe man auch dem DGV und der PGA of Germany mitgeteilt. 

Ein Funken Hoffnung?

Ein Kenner der Materie, der freilich nicht genannt werden möchte, spricht von einem „vorerst verminten Gelände“ aufgrund von Konkurrenzdenken und Missverständnissen: „Viele haben da etwas falsch verstanden oder wollten es falsch verstehen.“ Doch vielleicht geht im nächsten Jahr eine neue Initiative abermals von der Golfanlage in Prenden bei Berlin aus. Die in der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Rehabilitation (DEGEMED) zusammengeschlossenen Reha-Kliniken wollen in Zukunft in Bezug auf die unterschiedlichen Therapieangebote verstärkt voneinander lernen. Eines der schon beschlossenen Vorhaben für 2025 verrät Chris­tina Walsh von der Klinik am Wolletzsee: Vertreter von Reha-Kliniken aus dem ganzen Land wollen sich das erfolgreiche und bei Patienten beliebte Kooperations-Projekt der GLG-Klinik mit Golfpro Michael Lins in Prenden vor Ort genauer anschauen. Ob anschließend die eine oder andere Golfanlage einen interessanten Anruf einer benachbarten Rehaklinik bekommt? 

Markus Lawatsch vom DGV, der die Entwicklung mit Interesse und Engagement verfolgt, hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass die mit Rehabilitation befassten Verbände sich letztlich doch noch von den gesundheitsfördernden Effekten des Golfsports überzeugen lassen: „Ich glaube, das Thema ist noch nicht durch.“ Und auch die PGA of Germany teilt mit, sie sei von Beginn an mit den Initiatoren, insbesondere Michael Lins, in Kontakt und unterstütze und begrüße „die Initiativen in diesem Bereich“. 

Gut für den Kreislauf

Die dreiwöchige Reha-Maßnahme des Oberfranken Tino Reinhard in Brandenburg ist mittlerweile beendet. Und er hat die insgesamt sechs Ausflüge auf den Golfplatz, an denen er teilnahm, in bester Erinnerung: „Mir hat das sehr geholfen. Man ist in Bewegung, das ist gut für den Kreislauf, du machst hier Kilometer, aber du musst nicht rennen, hast auch mal Zeit zum Ausruhen, wenn die anderen abschlagen. Am Anfang habe ich nur ein paar Löcher geschafft, aber in der dritten Woche schon die ganze Runde von neun Löchern.“ 

Bevor es von Prenden für ihn zum letzten Mal zurück ging an den Wolletzsee, durfte Tino Reinhard aus den Händen von Golflehrer Michael Lins stolz seine DGV-Platzreife-Urkunde entgegen-nehmen. Und, wird er daheim dem neu entdeckten Golfsport treu bleiben? „Ich glaub schon“, lacht er, „ich muss erst noch mit meiner Frau sprechen, ob sie auch mitmacht. Aber bei uns um die Ecke ist gleich ein schöner Golfplatz, Coburg Schloss Tambach – ich denke, da geht was!“ Schönes Spiel, Tino!

Medianachweis: Wolfgang Weber

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