Partout Par?

Der Lochstandard ist nicht in Stein gemeißelt – schon gar nicht für höhere Handicaps. Singen Sie doch mal das Lied vom Bogeyman!
Coloney Bogey als Gegner: eine Scorekarte aus dem frühen 20. Jahrhundert.

Der großartige Robin Williams hat mal in einem unfassbar komischen, doch ebenso trefflichen Gig die Entstehung von Golf persifliert, als echte Absurdität. „Here is my idea for a fuckin’ sport“, gibt der 2014 verstorbene Hollywood-Mime in perfekter Dialektik einen betrunkenen Schotten: „Ich schlage einen Ball in ein Maulwurfsloch … Das Loch ist hunderte Meter entfernt … in einer glatten Fläche ganz am Ende, gekennzeichnet durch eine kleine Fahne – als Symbol der Hoffnung.“ *

Die Bühne ist damit bereitet. Nun sagen die Golfregeln bekanntlich, der Sinn des Spiels bestehe darin, den Ball mit möglichst wenig Schlägen in dieses Maulwurfsloch zu bugsieren. Und das Drama beginnt. Meist schon beim ersten Abschlag. Weil nur die wenigsten aus der richtigen Teebox abschlagen, durch die sich eine zum Handicap, zur Schlaglänge und zur Spielfertigkeit passende Gesamtdistanz des Platzes ergibt. 

Oder vielleicht einfach nur zum verfügbaren Schlaginstrument: Siehe neulich  jener Sportkamerad, der wegen eines gebrochenen Drivers und mangels Alternativen zum Holz 7 greifen musste, trotzdem unverdrossen auf den gelben Abschlag stiefelte und sich hernach beklagte, den Ball kaum aus dem eigenen Schatten herauszubekommen. Nach einem zweiten Schlag mit dem Hölzchen lag er dann immerhin in der vom Architekten vorgesehenen Landezone.

Den ständigen Zusatzschlag auf der Scorekarte und den damit verbundenen Frust hätte er sich bei Nutzung des vorderen Standardabschlags weitgehend sparen können. Aber der war ja mit Rot gekennzeichnet – und ein echter Kerl hat doch auf dem Damenabschlag nichts zu suchen. Den gibt’s freilich seit Jahren offiziell nicht mehr. Bloß halt noch als Farbfixierung im Golferhirn (siehe Die neue Farbenlehre, Golf Week 426, 12. Juni 2026).

„Ein Golf-leben nach par ist geisterjagd“

Egal, spätestens ab der Landezone, meist durch Fairway-Bunker gerahmt, ist die Längenvorgabe aufgebraucht – selbst bei Wahl der passenden Box. Und auf einem durchschnittlichen Par 4 sind’s immer noch mindes­tens 180 oder 200 Meter bis zu dem Fetzen Hoffnung im Maulwurfsloch. Zu weit für jedes Fairway-Holz. Denn Freizeitgolfer mit Handicaps in den mittleren und hinteren Zwanzigern – und das ist die Majorität in den Clubs landauf, landab – schlagen den Driver maximal um die 180 Meter weit. Wenn überhaupt. Und bringen es mit dem Eisen 7 beispielsweise auf 115 bis 125 Meter.

Aber Stopp. Auf der Tafel am Abschlag stand ja Par 4. Und daran gilt es nun mal, sich zu messen. Vermeintlich. In der Folge jagt unser Average Joe trotz einer Spielvorgabe von zwanzig-irgendwas dem Loch- und dem Platzstandard hinterher und notiert sich zähneknirschend einen Schlag über Par nach dem anderen. Es ist ein aussichtsloser Kampf. Denn sein Niveau liegt ganz woanders. Irgendwo zwischen einem und zwei Schlägen über der Norm, je nach Schwierigkeitsgrad des Lochs.

Der US-Golfautor Tom Coyne hat in diesem Zusammenhang mal über die „Tyrannei von Par“ geschrieben: „Par ist ein Leitwolf, dem wir mühsam folgen … Wenn wir im Hintertreffen liegen, verleitet er uns zu törichten Entscheidungen, um wieder Anschluss zu gewinnen.“ Kennt jeder, der schon mal versucht hat, mit brachialer Gewalt ein Grün zu erreichen. „Hören wir auf, unsere Schlägerwahl danach auszurichten, was uns ein Rating vorgibt“, empfiehlt Coyne: „Wenn wir unser Golf-Leben nach Par ausrichten, dann jagen wir letztlich nur Geis­tern hinterher.“

Der Kollege hat recht. Muss es partout Par sein? Vielleicht sollten wir Freizeitgolfer mit mittelmäßigem Handicap und zu vielen mediokren Schlägen einfach ganz entspannt das Lied vom Bogeyman singen. Der galt früher als Standard beim Groundgame – als die Golfbälle noch Gutties hießen und kaum fliegen konnten. Im späten 19. Jahrhundert war „Hush, Hush, Hush, Here Comes the Bogeyman“ ein Hit in den Theatern des viktorianischen London; die Warnung vor dem Bogle oder Bogge, wahlweise ein Dämon der schottischen Mythologie oder ein Kobold in Mittelengland, avancierte zum Gassenhauer. Für die Golfer seinerzeit war Colonel Bogey indes kein Schrecknis, sondern ein unsichtbarer Gegner.

Der Begriff passte zu einem Spiel, in dem brillante Schläge selten waren und bloßes Überleben bereits als Erfolg galt. Kommt Ihnen das aus eigenem Golf-Erleben vielleicht irgendwie bekannt vor?

Eins über ist das Par des Bogey-Golfers

Irgendwann aber musste Colonel Bogey abdanken – vertrieben von der fortschreitenden Materialentwicklung und dem Einsatz von Technik bei der Golfplatzgestaltung. Es brauchte eine neue Referenzgröße: Par. Dieser Begriff aus der Finanzwelt für einen Nennwert adressiert nicht nur die Fähigkeiten des Spielers, sondern ebenso die Möglichkeit des Architekten, Distanzen, Hindernisse und Spielwinkel auf ein ideales Ergebnis hin abzustimmen. Deshalb spiegelt Par stets zeitgenössische Technologien und Skills.

Beim Freizeitgolfer hingegen bedeutet Scratch eher eins über. Die meisten Hobbyspieler sind allenfalls näher am kontrollierten Bogey-Golf als an Par. Allein von der Länge her. Siehe das Titelfoto: Dieses Brett von einer Bahn ist ein Par 4. Mit zwei Schlägen aufs Grün? Purer Krampf, keine Chance. Mit drei guten Hits? Ok, das wird ein Spaß! Also, lieber strategisch denken und über zwei oder drei (beim Par 5) kürzere Schläge sicher aufs Grün kommen, statt mit aller Macht noch ein paar Meter aus jedem Schlag herauszukitzeln und dabei regelmäßig zu verreißen.

„Das Entscheidende ist doch, dass man mit dem eigenen Handicap die Bahn fair bewältigen kann“, verdeutlicht Achim Reinmuth, Partner im renommierten Planungsbüro Städler & Reinmuth Golfdesign. „Das ist halt der Unterschied zwischen einem Single-Handicapper und einem Bogey-Golfer: Der eine muss mit dem zweiten Schlag auf dem Grün sein, für den anderen reicht der dritte.“ Was zu beweisen war.

Medianachweis: ©Michael F. Basche/Archiv

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