Wenn am 26. September 2025 die ersten Abschläge auf dem Bethpage Black Course erfolgen, beginnt die 45. Auflage des Ryder Cup – und kaum ein Duell im Weltsport vereint so viel Leidenschaft, Historie und Dramatik wie dieser alle zwei Jahre ausgetragene Vergleichskampf zwischen den besten Golfern Europas und der USA. Es ist mehr als ein Turnier: Es ist ein Wettstreit zweier Kontinente, ein Aufeinandertreffen von Kulturen, Emotionen und Golftraditionen. Und diesmal stehen die Vorzeichen auf Sturm, denn Europa reist als Titelverteidiger an – und doch mit der Bürde, seit über einem Jahrzehnt keinen Auswärtssieg mehr gefeiert zu haben.
rückblick auf rom
Vor zwei Jahren, im Marco Simone Golf & Country Club in Rom, feierte Europa einen souveränen Triumph. Unter der Führung von Luke Donald setzte sich das Team um Rory McIlroy, Jon Rahm und Viktor Hovland mit 16½ zu 11½ durch. Rom 2023 bleibt vor allem in Erinnerung als ein Wochenende, an dem Europa den Ton von der ersten Minute an angab. Schon am Freitagmorgen, in der Eröffnungssession, rauschte das Team mit einem historischen 4:0 in den Foursomes in Führung – ein Start, der sofort die Marschrichtung vorgab und den Amerikanern den Nerv zog.
Auf den Tribünen hallten die Rufe „Europa, Europa“ wie im Fußballstadion, und die Kulisse im Marco Simone Golf & Country Club verwandelte sich in eine mediterrane Festung.

rory will es wissen
Besonders Rory McIlroy spielte wie entfesselt. Nach der bitteren Niederlage in Whistling Straits 2021 war er wie ausgewechselt, holte vier Punkte aus fünf Matches und ließ keinen Zweifel an seiner Rolle als emotionaler Leader. An seiner Seite brillierten auch Viktor Hovland, der zum Publikumsliebling avancierte, und der schwedische Rookie Ludvig Åberg, der bei seinem Debüt auf der ganz großen Bühne keinerlei Nerven zeigte.
Doch Rom war nicht nur ein sportlicher, sondern auch ein emotionaler Triumph. Am Samstagabend eskalierte die Stimmung, als McIlroy auf dem Parkplatz in einen hitzigen Wortwechsel mit Joe LaCava, dem Caddie von Patrick Cantlay, geriet. Bilder, wie der Nordire mit hochrotem Kopf im Teamauto verschwindet, gingen um die Welt – ein Moment, der sinnbildlich für die Leidenschaft des Wettbewerbs stand. Später erklärte McIlroy, dieser Vorfall habe ihn nur noch entschlossener gemacht. Am Sonntag konterte er mit einem überzeugenden Sieg im Einzel und führte Europa endgültig über die Ziellinie.
McIlroy avancierte mit vier Punkten aus fünf Matches zum Symbol dieses Sieges – und zu einer Stimme, die sofort dazu mahnte, den Blick in die Zukunft zu richten. Noch in der Siegerpressekonferenz in Rom erklärte er: „Ich denke, eine der größten Errungenschaften im Golfsport heutzutage ist es, einen Ryder Cup in der Fremde zu gewinnen. Und genau das werden wir in Bethpage tun.“ Ein Satz, der sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat. Denn während Heimsiege im Ryder Cup fast schon zur Gewohnheit geworden sind, gilt ein Triumph in der Fremde als die ultimative Errungenschaft.
alles im griff
Kapitän Luke Donald hatte das Geschehen in Rom stets im Griff. Seine ruhige, analytische Art kontrastierte perfekt mit der aufgeheizten Stimmung. Er ließ Emotionen zu, kanalisierte sie aber in positive Energie. „Wir waren von Beginn an bereit, wir hatten einen klaren Plan – und die Spieler haben ihn perfekt umgesetzt“, sagte er später. Rom war für Donald nicht nur ein sportlicher Erfolg, sondern auch der Beweis, dass er die Balance zwischen taktischer Präzision und menschlicher Nähe meisterhaft beherrscht.
Der 16½-zu-11½-Erfolg war am Ende vielleicht weniger knapp, als viele erwartet hatten. Er markierte aber auch einen Wendepunkt: Europa hatte nicht nur zurückgeschlagen, sondern ein Teamgefühl entwickelt, das stärker war als individuelle Schwächen. Für viele Spieler, allen voran McIlroy, war der Ryder Cup in Rom mehr als ein Sieg – er war eine emotionale Wiedergeburt. Und genau diese Energie will Europa nun mit nach Bethpage nehmen.

serie brechen
Der Ryder Cup blickt auf eine fast hundertjährige Geschichte zurück. Seit 1927 treffen die besten Golfer beider Seiten aufeinander, doch selten war das Kräfteverhältnis so eng wie in den vergangenen Jahrzehnten. Europa gewann sieben der letzten elf Duelle – allerdings stets getragen vom Heimvorteil. Der letzte Auswärtssieg gelang 2012 in Medinah, als Europas „Miracle at Medinah“ Golfgeschichte schrieb. Danach blieben die USA auf heimischem Boden unantastbar. Genau diese Serie will Donalds Team durchbrechen – und weiß, dass es damit ein Kapitel schreiben würde, das weit über die Zahlen hinausgeht.
kontrastprogramm
Die Wahl der Kapitäne zeigt, wie unterschiedlich beide Seiten an diese Aufgabe herangehen. Europa vertraut erneut auf Luke Donald, den stillen Strategen, der in Rom brillierte. Es ist das erste Mal seit über 30 Jahren, dass ein Europäer zweimal in Folge das Kapitänsamt innehat – ein klares Signal für Kontinuität. Donald setzt auf Ruhe, auf geschlossene Strukturen und das Vertrauen in eine Mannschaft, die sich bewährt hat.
Ganz anders die USA: Sie schickten mit Keegan Bradley eine Überraschung ins Rennen. Der 38-Jährige, 2011 Sieger der PGA Championship, wurde im Sommer 2024 als Kapitän nominiert – und gilt als jüngster US-Kapitän seit Arnold Palmer in den 1960er-Jahren. Bradley, selbst noch nah an der Spielergeneration, soll frischen Wind bringen und den Funken zu einem Team überspringen lassen, das zwar hochkarätig besetzt ist, aber in der Vergangenheit oft an Teamchemie und Nervenstärke scheiterte.
fragliche qualität
Bradleys Mannschaft ist ein Spiegelbild des US-Golfsports. Mit Scottie Scheffler, der unangefochtenen Nummer eins der Welt, sowie gestandenen Kräften wie Xander Schauffele oder Justin Thomas verfügen die Amerikaner über geballte Klasse. Dazu kommen Bryson DeChambeau, Collin Morikawa und Patrick Cantlay – Spieler, die bewiesen haben, dass sie auf der größten Bühne bestehen können.
Doch die Mischung birgt auch Risiken. Mit Rookies wie J.J. Spaun, Russell Henley, Cameron Young oder Ben Griffin betreten gleich mehrere Akteure Neuland. Wie sie mit der brodelnden Atmosphäre in Bethpage umgehen, bleibt ein Fragezeichen. Zudem gilt: So stark die US-Einzelspieler auf der PGA Tour auftreten, so anfällig zeigte sich das Team zuletzt in Rom im klassischen Foursomes-Format. Einmal mehr wird es darauf ankommen, ob Bradley das Kollektiv formt – oder ob individuelle Eitelkeiten die Oberhand gewinnen.

Kontinuität als Waffe
Donald hingegen setzt auf nahezu dieselbe Mannschaft, die in Rom triumphierte. Elf von zwölf Spielern sind wieder dabei – einzig Nicolai Højgaard musste seinen Platz räumen, dafür steht sein Zwillingsbruder Rasmus im Team. Mit Rory McIlroy, Jon Rahm, Viktor Hovland, Tommy Fleetwood, Shane Lowry und Justin Rose vereint Europa Erfahrung, Klasse und Leidenschaft. Hinzu kommen junge Kräfte wie Ludvig Åberg, der in Rom als Rookie für Furore sorgte, und Rasmus Højgaard, der sein Debüt gibt.
Besonders bemerkenswert: Mit Sepp Straka ist auch ein deutschsprachiger Spieler im Team vertreten. Der Wiener, der auf der PGA Tour bereits vier Siege, davon zwei in dieser Saison, gefeiert hat, bringt nicht nur Stabilität, sondern auch einen Funken Identifikation für Fans in Österreich und Deutschland. Europas Stärke liegt in der Balance – und im unerschütterlichen Teamgeist, der in Rom zum Trumpf wurde. Doch der Druck, auswärts zu bestehen, ist enorm.
bühne der extreme
Der Austragungsort selbst verleiht diesem Duell eine zusätzliche Brisanz. Der Black Course von Bethpage State Park auf Long Island gilt als einer der härtesten Plätze weltweit. Schon bei den US Opens 2002 und 2009 sowie bei der PGA Championship 2019 zeigte er seine Zähne – mit engen Fairways, tiefen Roughs und endlosen Bunkern. Doch nicht nur der Kurs ist gefürchtet.
Es sind die Fans, die Bethpage zu einem Hexenkessel machen. Die New Yorker Zuschauer sind laut, leidenschaftlich und berüchtigt für ihre Intensität. Schon jetzt wurden astronomische Summen für Tickets gezahlt, der Schwarzmarkt floriert. Diese Exklusivität könnte die Stimmung noch anheizen – und genau darauf setzen die Gastgeber. Ein Heimspiel, das keineswegs leise ausgetragen wird.
spektakel erwartet
Die PGA of America als Veranstalter prophezeit ein globales Spektakel, das Golfgeschichte schreiben will – laut, emotional und lukrativ. Für Europa ist Bethpage der ultimative Prüfstein. McIlroys Worte klingen inzwischen wie ein Manifest. Bricht Europa die amerikanische Festung, wäre der Ryder Cup 2025 mehr als ein Titel – ein Mythos.
Drei Tage im Herbst entscheiden, ob Bethpage zur Legende oder zur Albtraumkulisse wird.
Medianachweis: © Sportcomm/Getty Images