Ryan Fox mit Major-Finish

Als die 154. Open Championship zu einer Regelposse zu werden droht, springt Ryan Fox ein und holt sich seinen ersten Major-Sieg.

Mit der 154. Ausgabe der Open Championship in Royal Birkdale stand das letzte Major des Jahres auf dem Programm, und ich sage es vorneweg: Ich kam mir vor wie bei der gerade beendeten Fußball-WM. Es gibt eine ganze Menge Aufreger in ­dieser „der Woche-Ausgabe“, aber zum Glück am Ende auch einen krönenden golferischen Abschluss nebst neuem Champion Golfer of the Year. 

der Zündler der Woche

Ja, Sir Nick Faldo ist dreifacher Masters- und Open-Champion, und ja, der gute Sir kennt sich im Golfsport wohl aus wie kaum ein anderer, und ja, er ist kein Fan von Bryson DeChambeau, und er hält mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg. Aber warum man Spieler schon im Vorfeld des Turniers heruntermachen muss, kann ich nicht verstehen. „Er hat keine Ahnung von Strategie … man kann einen Links-Platz nicht einfach attackieren … man muss mit Köpfchen spielen“, polterte Faldo in der Vorberichterstattung drauflos – „Sir-like“ ist etwas anderes. 

der Aufreger der Woche

Bryson DeChambeau sorgte mit dem Rough-Gate für Aufsehen.

Bryson DeChambeau jedenfalls war so richtig angezündet und setzte sich an den ersten beiden Tagen in Royal Birkdale nicht nur golferisch, sondern auch „strategisch“ in Szene. Bis zu jenem Zeitpunkt, an dem die Open am Freitag­nachmittag für den Amerikaner einen unrühmlichen Wendepunkt nahm. Denn aus einer hervorragenden 66er-Runde wurde eine 68, als die R&A dem zweifachen U.S.-Open-Champion nachträglich zwei Strafschläge aufbrummte. Doch was war passiert? Nachdem Haudrauf-Bryson an Loch 5 seinen Drive ins hohe Gras segeln sah und sich vor Ort ein Bild von der Lage seines Balles machte, trampelte er, zugegebenermaßen recht auffällig, in der Gegend her­um. Laut Regel 8.1 ist das ein unerlaubtes Verbessern der Lage vor dem Schwung und wird halt nun mal bestraft. Das Internet ging steil. Alle erdenklichen Szenen und Winkel des Vorfalls wurden analysiert und heftigst diskutiert. Und Bryson? Der hatte nun die einmalige Chance, es – wie schon so viele Profis zuvor – sportlich zu nehmen und die, da war man sich eigentlich einig, gerechte Strafe zu akzeptieren. Tat er aber nicht und drohte sogar, am Wochenende gar nicht mehr antreten zu wollen. DeChambeau war plötzlich im Mittelpunkt, und das war sehr schade, denn das hätte gerade am Freitag ein ganz anderer Spieler sein müssen. 

die fast-Fabelrunde der woche

Denn als Lucas Herbert am Freitag auf Loch 18 vor seinem vermeintlich letzten Putt stand, lag Golfhistorie in der Luft. Bis dato hatte der Australier unfassbares Golf gespielt und lag nach 9 Birdies auf den ersten 16 Bahnen auf Kurs 61er-Runde, ein Resultat, das es in der Geschichte aller Majors noch nie gab. Ein mögliches Birdie an der 17. (Par 5) sollte Herbert aber ebenso wenig gelingen wie der nötige Par-Putt aus weniger als zwei Metern an der 18, der um Haaresbreite das Loch verfehlte. „Ich würde sagen, Lucas macht normalerweise 100 von 100 aus dieser ­Distanz, aber mit so viel Bedeutung in diesem ­Moment ist das einfach etwas anderes“, so Herberts Caddie Nick Pugh. „Ich bin sehr stolz, aber in diesem Moment auch wahnsinnig enttäuscht“, zeigte sich auch Lucas Herbert im Zwiespalt der Gefühle. Da half es auch nichts, dass er dank seiner 62 die Führung im Turnier übernahm.

der titelverteidiger der woche

Und dann war da ja auch noch ein gewisser Scottie Scheffler. Die ganze Woche über zeigte die Nummer eins der Welt bei seiner Titelverteidigung solides Golf, der entscheidende Sprung an die Spitze aber wollte ihm einfach nicht gelingen. Und so gab sich Scheffler bei den Interviews eher wortkarg und ließ sich auch in Sachen DeChambeau zu keiner provokanten Aussage hinreißen. Dennoch sorgte Scottie am Finaltag für mächtig Verwunderung bei den Zuschauern, als er an der 17. Spielbahn dann plötzlich selbst im Regeldschungel landete. Denn sein zweiter Schlag landete im Hospitality-­Bereich, und obwohl der Ball nicht gefunden wurde, bekam Scottie trotzdem einen Freedrop und durfte mit Schlag Nummer drei ohne Strafe fortfahren. Hier trat die Regel 17.1d in Kraft, laut der der Schlag, selbst wenn der Ball nicht gefunden wird im TIO – Temporary Immovable Object (also temporäres, nicht bewegliches Objekt, wie Grandstand, Tribüne etc.) –, zu einem straffreien Drop führt. Scheffler spielte ein Birdie und sich kurzzeitig fast bis an die Spitze des Turniers. Die Verwunderung über diese wirklich komische Regel aber blieb und vor allem die Frage, ob so eine Entscheidung am Ende das Zünglein an der Waage für einen möglichen Major-Sieg sein sollte. Da fehlte in diesem Moment eigentlich nur noch ein VAR, um noch mehr Verwirrung zu stiften. Doch jetzt genug über Regelkunde, die zum Glück beim Ausgang der Open in Royal Birkdale dann doch keine Rolle spielen sollte. Bryson DeChambeau wurde am Ende geteilter 14. und ­hätte auch mit zwei Schlägen weniger nicht gewonnen, Scottie Scheffler wurde mit vier Schlägen Rückstand alleiniger Dritter. 

erneut tragischer held der woche

Einmal mehr zum tragischen Helden – und das  wird jetzt dann langsam auch echt traurig – wurde Sam Burns. Nachdem auch er am Freitag eine 62 aufs Parkett zaubern konnte und am Samstag eine 65 folgen ließ, ging der gute Sam zum mittlerweile x-ten Mal als Führender in die Finalrunde, um dann zum x-ten Mal krachend zu scheitern. Dabei begann der Amerikaner seinen sonntäglichen Ausflug auf den Royal Birkdale Links gleich mit einem Schlaggewinn auf Loch 2 recht vielversprechend. Was dann aber folgte, war das typische Burns-Muster. Auf den folgenden Bahnen „verbrannte“ Sam seine Führung im wahrsten Sinne des Wortes mit gleich 3 Bogeys in Folge von Bahn 4 bis 6 und kam fortan nicht mehr in Tritt. Als er am Ende schon fast wie ein geprügelter Hund über die letzten Bahnen schlich, wirkte Burns ausgelaugt und war wohl einfach froh, das Turnier hinter sich zu bringen.
72 Schläge standen am Sonntag dann zu Buche und ein daraus resultierender alleiniger dritter Rang. Ein schwacher Trost für so einen talentierten Spieler, der es einmal mehr nicht geschafft hat, seine hervorragende Form der ersten drei Tagen in die Finalrunde zu
retten.

Cameron Young war erneut ganz knapp dran am ersten Major-Titel. Am Ende wurde es für den Amerikaner der zweite Rang.

das Bogey der Woche

In absoluter Topform am ­Finaltag präsentierte sich hingegen Burns Landsmann Cameron Young. Wie sein Ryder-Cup-Kollege hat auch Young den großen Wurf bei einem Major schon mehrfach verpasst, und auch in Royal Birkdale fehlte Cam am Ende die Fortune, um seinen ersten Major-Titel unter Dach und Fach zu bringen. Dabei hatte der New Yorker dank sieben Birdies zu einer grandiosen Aufholjagd geblasen und sich bei 10 unter Par an die Spitze des Leaderboards gesetzt. Nur noch die finale Bahn trennte Young von einem möglichen ersten Major-Titel. Ein Par auf der 18 (Par 4) schien genug, um mächtig Druck auf die Konkurrenz zu machen, doch daraus wurde nichts. Cam Young beendete die 154. Open Championship mit dem wohl kostspieligsten Bogey der ­Woche bei 9 unter Par und musste das Geschehen als Führender im Clubhaus abwarten. 

die vorentscheidung der woche

Anfangs sah es noch gut aus für Young, da die Konkurrenz auf der Zielgeraden mächtig Federn ließ. Der Südkoreaner Si Woo Kim zum ­Beispiel vergab seine Titelchance mit gleich 4 Bogeys auf den Backnine und wurde am Ende bei 6 unter Par geteilter Vierter. Auch der krasse Außenseiter Ryan Gerard konnte am Finaltag nicht an seine Leistungen der Vortage anknüpfen und musste sich mit einer birdie­freien 72 und T9 zufrieden­­geben. Und auch Lucas Herbert hatte am Sonntag zu viele Bogeys auf der Scorekarte, um Young am Ende gefährlich zu werden. 

das Birdie der Woche

Als Young schon fast wie ein Playoff-Kandidat oder Titel­träger aussah schlug die Stunde des Ryan Fox. Mit einer denkwürdigen Vostellung auf den letzten sechs Bahnen versetzte der Neuseeländer das Publikum in Royal Birkdale in Ekstase. Bereits am Samstag hatte Fox mit einer 62er-Runde für Aufsehen gesorgt und sich in Stellung gebracht, nun sollte seine Stunde schlagen. Mit Birdies auf 13 und 14, einem strategisch unglauchlich reifen Bogey auf der 15 und einem erneuten Schlaggewinn auf der 16 lag Fox bei 9 unter Par in geteilter Führung. Dass er das nötige Birdie auf der 17 knapp verfehlte, ließ Ryan völlig kalt, er machte in seiner für ihn typischen zügigen Art einfach weiter. „Scottie Scheffler hat einmal gesagt, mit mir in einem Dreierflight zu spielen sei so, wie wenn man eigentlich nur zu zweit unterwegs ist. Er hat dabei wohl auf mein eher schnelles Spiel angespielt, und ich weiß nicht, ob das ein Diss oder ein Kompliment war“, scherzte Fox über den Vorfall mit der Nummer eins der Welt. Auf jeden Fall blieb Ryan Fox seiner Speed-Routine auch auf der 18 treu und sah sich nach dem perfekten Abschlag und der perfekten Annäherung bis auf wenige Meter an die Fahne dem Putt zum Sieg bei der Open gegenüber. Nachdem er minutenlang unruhig umhergetigert war und Sam Burns bei seinem erneuten Scheitern zusehen musste, stellte sich Ryan Fox anschließend über den Ball und versenkte ihn
ruck, zuck zum Birdie und Sieg im Loch. Sein Caddie Dean Smith ging in die Knie, die Fans standen auf und jubelten, und auf einmal war es vorbei, das letzte Major des Jahres. 

Ein Bild mit Symbolcharakter. Während Sam Burns enttäuscht abdreht, ist Ryan Fox der Champion Golfer of the Year.

der neuseeländer  der Woche …

… ist natürlich Ryan Fox, der nach seinem Sieg noch völlig verdutzt bei der PK saß. „Ich habe Dean an der 18 gesagt: Lass uns jetzt versuchen das Ding gewinnen. Es waren zwei perfekte Schläge, an den Putt danach kann ich mich kaum noch erinnern. Meine Hände haben gezittert, ich wollte den Ball nur irgendwie zum Loch bringen, und dann war er auf einmal drin. Heute ist für mich ein Traum wahr geworden“, so Fox, der als dritter Neuseeländer nach Bob Charles (The Open 1963) und Michael Campbell (U.S. Open 2005) einen Major-Sieg für sein Land holen konnte. 

Medianachweis: ©Sportcomm / Getty Images, ©Sportcomm/GettyImages, ©Sportcomm/Getty Images

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