Schneckenplage Slow Play

Die Trödeltrupps auf den Fairways sind eine Geißel des Golfsports. Doch viele Verzögerungen wären vermeidbar — auch das ist Course Management.

Die Faustformel ist ganz simpel: „Dein Platz im Feld ist hinter der Gruppe vor dir, NICHT vor der Gruppe hinter dir!“ Schade, dass das Schild mit dieser Aufschrift an einem ­ersten Abschlag auf der anderen Seite der Erde steht – in Neuseeland. Es wäre auch in hiesigen Breitengraden vielfach angebracht. Und eigentlich braucht es kaum mehr, um die Causa „Slow Play“ kurz und bündig abzuhandeln. Wenn beim Marsch von Loch zu Loch nicht so viele Stolpersteine im Weg lägen … Ja, Marsch: „Golf is used to be exercise“, hat Reporter-Unikum und Ex-Pro David Feherty mal gesagt. Will heißen, Golf ist ein Spiel und kein Wettrennen, aber Golf ist Sport.

Ryan Fox hat das Thema wieder mal aufs Tapet gebracht, als er vor zwei Monaten in Royal Birkdale die Open Championship gewann. Pikanterweise, weil er Schnellspieler ist: Der Neuseeländer haut seine Schläger flotter raus, als Lucky Luke zum Revolver greifen kann – und das Comic-Wildwest-Phänomen zieht bekanntlich schneller als sein Schatten. Im Schnitt benötigt Fox zehn Sekunden, um an den Ball zu treten, seine Pre-Shot-Routine durchzuziehen und die Murmel abzufeuern. Zwischen finaler Ansprechposition und Einleitung des Rückschwungs vergehen nicht selten weniger als zwei Sekunden. Da wird nicht lange gefackelt, geschweige denn gezuckt oder gewaggelt. Je weniger Zeit er zum Nachdenken habe, sagt Fox, desto weniger „schlechte Gedanken“ hätten die Chance, sich einzuschleichen. Für Freizeitgolfer taugt das nur bedingt zur Vorbildfunktion.

„Schnell zum Ball, bedächtig am Ball“

Aber es geht um etwas Grundlegendes, dem Fox nur neue Nahrung gab: Slow Play ist eine Geißel des Spiels. Überall auf der Welt schleichen die Trödeltrupps über die Fairways – im Schlen­drian und selbst mit Carts, weil kreuz und quer herumgekurvt wird. Provisorische Bälle passieren selten, Mulligans viel zu oft. Die Spieler sind nicht fertig, wenn sie an der Reihe sind, nutzen die Zeit beim Weg zum Ball nicht für vorausschauende Planung über Schlägerwahl und Schlagvariante – und hacken dann hektisch auf die Kugel ein. Dabei lautet das Prinzip „Schnell zum Ball, bedächtig am Ball“. Was kein Freibrief für langatmige und umständliche Schlagvorbereitungen sein soll.

Das Waiting Game auf dem Platz: „Man kann niemandem erzählen, Golf macht Spaß, wenn die Runde über sechs Stunden dauert“: Und es liegt zuvorderst an uns Golfern …

Auf den Grüns wiederum nimmt man sich allzu gern ein schlechtes Beispiel an den Tour-Pros, kreist sieben Mal um den Ball, begutachtet die Linie aus allen Himmelsrichtungen, studiert Breaks und „aimpointet“ selbst aus 60 Zentimetern Abstand – um dann auf der Amateurlinie unterhalb des Cups vorbeizuschieben. Fox hingegen nahm sich in Birkdale gerade mal 22 Sekunden Zeit für den entscheidenden Putt zum Major-Sieg, nachdem Sam Burns seinen Ball auf der 18 aus dem Loch geklaubt hatte: Er las die Linie, stellte sich zurecht, absolvierte Probeschwünge und schubste den Ball in Richtung Triumph.

„Man kann niemandem erzählen, Golf macht Spaß, wenn die Runde sechseinhalb Stunden dauert“, hat Claus M. Kobold, der Präsident des Deutschen Golf Verbandes (DGV), schon vor Jahren im Gespräch mit dem Autor gesagt: „Da gehst du vom Platz, hast dir die Füße wund gestanden und keinen Spaß gehabt.“ Zu Recht verwies Deutschlands oberster Golfer damals auf die Einführung von Ready Golf, „das eine Zeitersparnis von 40 Minuten bringt, wenn man’s richtig anwendet“.

unselige Melange zahlloser Faktoren

Bloß, die wenigsten können damit umgehen, stecken stattdessen in den überkommenen Reihenfolge-Routinen.­ Dazu kommen falsche Vorbilder, eine ungenügende Ausbildung – Stichwort Wochenend-Platzreife –, mangelnde Etikette und oft genug fehlende Voraussetzungen für flotten Spielfluss auf den Golfanlagen selbst.

Es ist eine unselige Melange zahlloser Faktoren. Die beginnt schon beim Platzkonzept. Viele Kurse sind schlicht zu lang für die Schlagweiten des Hobby-Golfers. Das Ausreizen der Par-Distanzen (Par-3-Löcher von über 200 Metern etc.) macht’s nicht spannender, sondern belastet vor allem den Spielfluss. Erst recht, wenn es an Abschlägen für unterschiedliche Spielstärken mangelt. Ebenso ein zu frühes Par 3 im Routing: Stau ist programmiert. Weitere Aspekte sind die „gnädige“ Platzierung der Hindernisse, gemessen an der Spiellinie von den Standard-Tees, oder kurze Wege vom Grün zum nächs­ten Abschlag. Alles eine Frage der Planung.

Auch der Betreiber kann mit dem Set-up die Spielgeschwindigkeit beeinflussen.­ Grüns brauchen keine Stimpmeter-Werte à la Augusta, und bei erwartbarem Hochbetrieb sollten nicht die schwierigsten Fahnenpositionen gewählt werden, bloß weil Sonntag ist.

Signalisation und notfalls Marshall

Das A und O ist eine aus­sagekräftige Signalisation, um Golfgästen die Orientierung zu ermöglichen. Dazu gehören nicht nur die Wegweisung zum nächsten Tee oder Tafeln mit der Maximal-Spielzeit „bis hierhin“, sondern überdies Hinweise zur Platzierung von Bag beziehungsweise Trolley.

Im Zweifelsfall muss ein ­Marshall her, der den Spielfluss auf dem Platz kontrolliert. Dessen Kompetenzen sollten – am besten auf der Score­karte – klar kommuniziert werden. Gewiss, es ist keine sonderlich populäre Maßnahme – und eine Kostenfrage. Doch die Mehrheit wird’s danken.

Schnellspieler: Champion-Golfer Ryan Fox gab der Causa Slow Play neue Nahrung.

Vor allem liegt es an den golfern selbst

Letztendlich liegt es aber an den Golfern selbst, das Spielvergnügen nicht durch zähe Abläufe zu malträtieren. ­Sondern das angemessene Tee für den Abschlag wählen. Bei Ballsuche oder anderen Verzögerungen durchspielen lassen. Tasche oder Trolley nahe dem Transit zum nächsten Tee abstellen, das spart unnötige Wege und Herumlauferei. Beim Chip oder Pitch aufs Grün den Putter mitnehmen – und das Wedge dann am abgelegten Fahnenstock deponieren, um es nicht zu vergessen. Das Grün und seine Umgebung flott für den nachfolgenden Flight freigeben. Kontakt zur Vorgruppe halten, siehe „das Schild“.

Kurz: Auch die Vermeidung von unnötigem Zeitaufwand für die Runde ist Course ­Management.

Medianachweis: © Michael F. Basche, © Sportcomm/Gettyimages

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