Das Leben ist ernst genug, Golf für manche beinahe todernst. Vielleicht funktionieren Bewegtbildproduktionen über den Golfsport gerade deshalb am besten, wenn sie Etikette und Ehrfurcht im Clubhaus zurücklassen. „Caddyshack“ nahm Country-Club-Eliten aufs Korn, bei „Happy Gilmore“ machte ein jähzorniger wie erfolgloser Eishockeyspieler mit den Umgangsformen des Profizirkus kurzen Prozess. Beide machten sich weniger über Golf lustig als über Regeln, Typen und Eitelkeiten rund um das Spiel. In diese Tradition reiht sich nun die neue Netflix-Serie „The Hawk“ ein – mit einer Hauptfigur, die bereits vor dem ersten Abschlag ein bemerkenswertes Eigenleben entwickelte und geschickt zwischen Fiktion und Wirklichkeit pendelte. In der Hauptrolle Will Ferrell, der seinen typisch absurden Humor schon in verschiedenen Charakteren in die Sportwelt einbrachte – mal mehr, mal weniger erfolgreich. Nach Fußball, NASCAR, Eiskunstlauf und Basketball nimmt er sich nun erstmals die Golfwelt vor und spielt erneut einen überzeichneten, selbstverliebten Athleten, der von seinem eigenen Legendenstatus überzeugt ist. Gemeinsam mit Harper Steele und Chris Henchy gehört Ferrell auch zu den kreativen Schöpfern der Serie.

Der „Hawk“ hebt wieder ab
Kurz zur Handlung: Lonnie „The Hawk“ Hawkins war 2004 die Nummer eins der Welt, gewann drei Majors und zählt zu den größten Namen der Golfgeschichte – nicht zuletzt wegen seiner unorthodoxen Art. Hawkins ist eitel, überhöht und aus der Zeit gefallen – zugleich aber überzeugt, dass noch ein großer Moment in ihm steckt. Mittlerweile befindet sich der frühere Superstar jedoch längst auf den Back Nine seiner Karriere und ist in der Zweitklassigkeit angelangt. Sein Selbstbild sagt ihm aber etwas anderes. Weil ihm noch ein Major zum Karriere-Grand-Slam fehlt, plant Hawkins das Comeback. Dazu gilt es sich zunächst wieder für die PGA Tour zu qualifizieren, um wieder auf der großen Bühne des Sports seine Spuren zu hinterlassen.
Seine Ex-Frau Stacy und sein Sohn Lance, selbst ein aufstrebender wie erfolgshungriger Golfer der neuen Generation, halten den Plan für reine Selbstüberschätzung. Lonnie dagegen sieht sich stets nur einen Schlag vom nächsten Triumph entfernt. Neben einem satirischen Blick auf den Golfzirkus ist Familienchaos also vorprogrammiert. Zudem hat er noch eine alte Rechnung offen: mit Golden Fisk (gespielt von Luke Wilson), jenem Golfprofi, der ihn zweimal im entscheidenden Moment besiegt hat.
Zwischen Fiktion und Wirklichkeit
Den ersten Volltreffer landete „The Hawk“ allerdings schon vor dem Serienstart: Die Marketingkampagne erklärte Lonnie Hawkins zur Kultfigur, noch bevor die erste Folge zu sehen war. Wochen vor dem Start tauchte Hawkins in den sozialen Medien auf, als wäre er ein realer, nur lange vergessener Golfheld. Auf dem Instagram-Kanal @LonnieTheHawk präsentierte Ferrell dessen Alltag, zeigte sich mit echten Größen des Golfsports. Hawkins ging sogar auf Bus-Tour entlang der US-Ostküste und eröffnete diese mit einer Pressekonferenz bei der World Golf Hall of Fame in Pinehurst, wo der erfundene dreifache Major-Sieger sogleich in diesen elitären Kreis aufgenommen wurde. Auch die PGA Tour selbst spielte eifrig mit: Rund um die Players Championship machte die vermeintlich erwachende Anhängerschaft des „Hawk“ sogar bei einem echten Tour-Turnier viel Wirbel. Damit wurde die reale Golfwelt nicht bloß Kulisse, sondern Teil des Witzes. So wirkte die Marketingkampagne nicht nur wie eine reine Ankündigung, sondern auch wie das Comeback eines echten Golfers. Wer die Inszenierung ohne das nötige Wissen sah, konnte durchaus ins Grübeln kommen.
Nun bekommt der „Hawk“ sogar seine eigene Modelinie: Die Lifestyle-Marke Willbo hat eine exklusive Hawk-Kollektion herausgebracht. Damit wandert der Look der erfundenen Golflegende aus der Serie in den realen Kleiderschrank – und die Grenze zwischen Figur, Kampagne und Marke verschwimmt weiter.

Der nächste Streaming-Hit?
Netflix will damit auch an einen großen Erfolg aus dem Vorjahr anschließen. „Happy Gilmore 2“ kam 2025 in den ersten drei Tagen auf 46,7 Millionen Aufrufe und führte damit die Charts an. Profis wie Scottie Scheffler, Bryson DeChambeau und Will Zalatoris glänzten dabei mit jeder Menge Ironie als Selbstdarsteller. Ob „The Hawk“ ebenfalls über das Golfpublikum hinausfliegt, entscheidet sich nach dem Marketing nun auf dem Bildschirm. Entscheidend wird sein, ob die Serie ihrer Kunstfigur neben Größenwahn und Klamauk auch genügend Tiefe verleiht, damit aus dem viralen Kunstprodukt eine ähnlich langlebige Kultfigur wie Happy Gilmore wird. Seit 16. Juli sind alle zehn Folgen der ersten Staffel auf Netflix verfügbar. Eine zweite Staffel ist noch nicht offiziell bestätigt, das Ende lässt jedenfalls viel Stoff, um anzunehmen, dass eine Fortsetzung folgen wird.
Medianachweis: © Sportcomm/Gettyimages, ©Screenshot Instagram/thelonniehawk