Der Paukenschlag kam vor der Eröffnungsfanfare: Anna Nordqvist, die schwedische Kapitänin des europäischen Solheim-Cup-Teams, beendet ihre Profikarriere im Turnierzirkus. Mit dieser Entscheidung überraschte die 39-Jährige im Rahmen der FM Championship auf der LPGA Tour in Boston, gut zwei Wochen vor dem Duell mit der amerikanischen Auswahl. Bernardus ist also Annas Adieu an die große Bühne. Danach wartet Nordqvists Nähmaschine. Sie liebt Handarbeiten.
handarbeit als karriere-metapher
Das ist durchaus als Metapher zu verstehen. Nähen – auf einer fast historischen Husqvarna –, Sticken, Fäden zusammenführen, Muster entstehen lassen. Es passt. Selbst zur letzten großen sportlichen Aufgabe der Anna Nordqvist, die vor zwanzig Jahren in die USA kam – mit zwei Koffern, einem Golfbag und dem Traum, irgendwann mit den Besten der Welt zu spielen. So beschrieb sie selbst den Anfang ihrer amerikanischen Reise, die das 19-jährige Talent aus Eskilstuna zuerst an die Arizona State University führte. Mit einem Vollstipendium, das Nordqvist durch Erfolge und den Status als Top-Amateurin „zurückzahlte“.

drei majors und immer dauerhaft gut
2009 wurde sie Profi und gewann im selben Jahr die LPGA Championship. Es war ihr erster Sieg auf der Tour und gleichzeitig das erste von insgesamt drei Majors. Es folgte 2017 die Evian Championship und 2021 die AIG Women’s Open. Man übersieht das gern. Nordqvist war keine Naturgewalt wie Annika Sörenstam, keine große Bühnenfigur wie Suzann Pettersen, keine moderne Social-Media-Ikone wie die noch majorlose Charley Hull, kein Everybody’s Darling wie Nelly Korda. Anna Nordqvist war immer anders. Verschlossener. Eckig. Aber dauerhaft gut.
Bernardus als finale abschiedsbühne
Nun läuft also der letzte Akt einer Golfgeschichte, die sich ohnehin um den Solheim Cup rankt. Trotz insgesamt neun Titeln auf der LPGA Tour, zwei Olympiateilnahmen, Turniersiegen auf beiden Seiten des Atlantiks und 14,1 Millionen Dollar an Preisgeldern auf dem US-Circuit.
Neun Mal hat Nordqvist das Kontinentalduell als Aktive bestritten. Fünf Mal gewann sie mit Europas Equipe die Vase aus der Werkstatt von Waterford Crystal. Zwei Mal war sie spielende Vizekapitänin. Ihre Bilanz: 17 Siege, 15 Niederlagen und drei
geteilte Matches. Jetzt, beim zehnten Mal, hat sie alle Fäden selbst in der Hand.
Und obwohl Bernardus die Bühne des endgültigen Abschieds ist, steht Nordqvist wieder nicht im Rampen-licht – das gebührt ihren Spielerinnen.
„ein ende, solange ich das spiel genieße“
Sie selbst verlässt das Spiel ohne Abschiedstournee, steigt einfach aus, obwohl sie eigentlich noch mittendrin ist. Obwohl sie das Gefühl hat, mit ihrem Spiel nach wie vor konkurrenzfähig zu sein. Die geteilten siebten Plätze bei der Amundi Evian Championship und bei der KPMG Women’s PGA Championship belegen das. In Royal Lytham & St Annes bei der AIG Women’s Open wurde sie geteilte 49. „Ich wollte meine Karriere an einem Punkt beenden, an dem ich das Spiel noch genieße“, hat Anna Nordqvist in Boston gesagt. Sie wolle wieder mehr Zeit für die Menschen haben, die während ihres Tourlebens häufig weit entfernt waren.
drama um scheidung und den tod des „ex“
s gab schon früher Phasen, in denen Anna Nordqvist ans Aufhören dachte. Wegen gesundheitlicher Probleme. Wegen mentaler Überbelastung. Besonders die vergangenen Jahre haben Spuren hinterlassen. 2023 zerbrach ihre Ehe mit dem schottischen Caddie Kevin McAlpine. Die Trennung wurde für Nordqvist zur schweren persönlichen Krise; sie nahm sich zeitweise eine Auszeit vom Golf und sprach später offen davon, wie sehr Stress und psychische Erschöpfung ihr System aus dem Gleichgewicht gebracht hätten. Und es wurde noch schlimmer: Wenige Wochen nach dem Solheim Cup in Spanien starb McAlpine – völlig überraschend, mit 39 Jahren. Nordqvist musste plötzlich auch das verarbeiten. „Mein ganzes Leben ist in tausend Stücke zerbrochen“, sagte sie später. Sie war in therapeutischer Behandlung und lernte Methoden der Traumabewältigung. Zeitweise, erzählte sie, sei ihr Stresslevel so hoch gewesen, dass sie sich auf dem Golfplatz wie weggetreten gefühlt habe. An manche Turniere könne sie sich kaum erinnern, selbst an vieles vom Solheim Cup 2023 nicht.
solheim cup elementar für die golfkarriere
Dabei war der für Nordqvist stets mehr als eine Golfkonkurrenz: ein sozialer Ort, eine Begegnungsstätte unter Wettbewerbsbedingungen, eine Gemeinschaft, vereint in denselben Farben, mit einem gemeinsamen großen Ziel. „Egal, ob wir gewonnen oder verloren haben, der Solheim Cup hat seit meinem Debüt 2009 in Chicago einen so großen Teil meiner Karriere ausgemacht“, erklärte Nordqvist bei der Vorstellung als Kapitänin für 2026.

vom Teenager am Rand zur kapitänin 2026
Sie sprach von Freundschaften und Erinnerungen. 2003 erlebte sie daheim in Schweden erstmals einen Solheim Cup live. Damals stand sie als Teenager am Rand der Fairways. In den Niederlanden schließt sich diese Woche der Kreis. Und ein Solheim-Sieg wäre die Krönung. Natürlich.
7:11 steht es gegen die USA – die Erfolge 2019, 2021 und 2023 polierten die Bilanz gehörig auf, bevor der Cup vor zwei Jahren in Virginia wieder abgegeben werden musste.
Nomineller vorteil mit trio in den top 20
Andererseits haben die „Roten“, die heuer von Angela Stanford dirigiert werden, seit 2015 nicht mehr auswärts gewonnen. Und nominell sind die Europäerinnen eh besser aufgestellt: Mit Rookie Lottie Woad (7.), Routinier Hull (8.) und Esther Henseleit (20.), die zum zweiten Mal dabei ist, hat Nordqvist drei Spielerinnen in den Top 20 der Rolex Rankings. Auf der Gegenseite sind es „nur“ die Weltranglistenerste Korda und Lauren Coughlin auf Platz 17.
Aber was sagt das schon in einem Wettbewerb, bei dem es auf die Mischung und das Momentum ankommt? Bei dem es um Temperamente und Teamfähigkeit geht. Um die Kunst, individuelle Nervosität in kollektive Energie zu verwandeln. Niemand weiß das besser als Anna Nordqvist.

ruhe ist nordqvists hauptaufgabe
Sie kennt viele ihrer Spielerinnen aus deren Anfängen. Sie hat gegen sie gespielt, mit ihnen trainiert, sie als Vizekapitänin und über die Saison hinweg beobachtet. Nordqvists Aufgabe ist im Moment zu lesen, Niederlagen aufzufangen, Euphorie zu bremsen – kurz: jene Ruhe auszustrahlen, die sie selbst auf den Fairways und Grüns dieser Golfwelt gezeigt hat.
geht das puzzle auf? handarbeit kann sie!
Im Vorfeld von Bernardus hat Nordqvist über das Pairing Puzzle gesprochen: „Wir haben eine tolle Mischung aus Erfahrung und Persönlichkeit sowie vier Neulinge, die für frischen Wind und eine aggressive Spielweise sorgen.“
Wenn diese Ausgabe der Golf Week erscheint, laufen die ersten Matches. Und es wird sich zeigen, ob Anna Nordqvist ein stimmiges Bild hinkriegt. Es ist knifflig und kleinteilig. Aber Handarbeit kann sie!
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