Die Geschichte der Brüder Rasmus und Nicolai Højgaard beginnt nicht auf der großen Bühne, sondern auf dem Rücksitz eines Autos in Dänemark. Nach Jugendturnieren galt eine einfache Regel: Wer besser gespielt hatte, durfte beim nächsten Mal vorne sitzen. Es war mehr als nur ein Spiel – es war ihr erster Maßstab. „Denk nicht, dass du jetzt auf dem Thron sitzt“, soll Rasmus einst zu Nicolai gesagt haben. Beide waren schlechte Verlierer. Die inzwischen 25 Jahre alten Brüder hatten sogar die Regel, sich nicht ins Gesicht zu schlagen – alles andere war offenbar verhandelbar.
Heute erzählen sie das lachend. Der Kern ist geblieben: Konkurrenz. Nur hat sich die Art und Weise, wie sie damit umgehen, verändert. „Früher wussten wir nicht, wie wir damit umgehen sollen, gegeneinander zu verlieren“, sagt Rasmus. „Jetzt unterstützen wir uns mehr.“ Nicolai sieht das ähnlich: Der Ehrgeiz ist zwar da, aber er freut sich genauso über die Siege des anderen.
Zwei Spielertypen
Diese Entwicklung erklärt ihren parallelen Aufstieg. Beide wurden 2019 Profi und gewannen früh auf der DP World Tour. Rasmus war schneller: Er feierte seinen ersten Sieg mit 18, holte mehrere Titel und war früh konstant. Nicolai zog nach – mit größeren Ausschlägen und oft spektakuläreren Momenten, etwa beim Sieg bei der DP World Tour Championship gegen ein Top-Feld. Spielerisch sind die Unterschiede klar erkennbar. Beide schlagen lang und aggressiv. Während Rasmus stärker über Gefühl und Rhythmus arbeitet, ist Nicolai strukturierter und analytischer. Intern wird Rasmus „der Künstler“ genannt. Nicolai hingegen denkt in Routinen und Abläufen und ist härter zu sich selbst.
Dass sie sich so unterschiedlich entwickeln konnten, war gewollt. Die Eltern trennten sie früh bewusst: Sie bekamen unterschiedliche Kleidung, wurden in getrennten Klassen unterrichtet und konnten sich individuell entwickeln. Gleichzeitig verbrachten sie unzählige Stunden gemeinsam – im Pro-Shop der Familie in Billund, auf der Range, im direkten Vergleich. Beide gewannen ihre ersten Titel auf der DP World Tour vor ihrem 21. Geburtstag – ein Hinweis darauf, wie früh sich ihr Talent auch im Profibereich durchsetzte.
Rückschläge und Reaktionen
Ihr Vater, Pilot, hat sie stark geprägt. Ruhe bewahren, strukturiert handeln und Situationen kontrollieren – diese Prinzipien haben beide von ihm übernommen. Nicolai beschreibt es wie eine Checkliste im Cockpit. Rasmus relativiert, doch die Grundidee bleibt bestehen: Kontrolle durch Klarheit.
Wie unterschiedlich ihre Wege verlaufen können, zeigte sich im Jahr 2023: Nicolai gewann groß, holte sich die PGA-Tour-Karte und spielte beim Ryder Cup in Rom. Rasmus verpasste den Sprung knapp – auch wegen Verletzungen –, war aber vor Ort dabei und sogar als Cart Driver innerhalb des Teams eingesetzt. „Ich war extrem glücklich für ihn und gleichzeitig enttäuscht über mich selbst“, sagt er. Die sportliche Antwort folgte 2024: Rasmus blieb fit und gewann unter anderem die Irish Open. Die Schlüsselszene: Loch 17, unter Druck, mit Rory McIlroy im Nacken, ein verfehltes Grün, gelochter Bunkerschlag – Birdie. Danach noch ein Birdie auf der 18 – Turniersieg.
Große Bühne, getrennte Wege
Nicolai steht für ähnliche Momente, aber auf andere Art und Weise. Beim Masters 2024 lag er zwischenzeitlich in Führung, fiel dann aber zurück. Vor allem nahm er mit, wie Spieler wie Scottie Scheffler kritische Phasen kontrollieren. Diese Erfahrungen prägen seinen Weg. Dass beide 2024 gemeinsam beim Masters abschlugen, war dennoch ein Meilenstein: Erstmals nahmen Zwillinge gemeinsam am Turnier in Augusta teil. Übungsrunden, Pressekonferenz, Par-3-Turnier – alles zusammen. Und doch hatte jeder seinen eigenen Plan.
Zwei Jahre nach Nicolais Ryder-Cup-Debüt in Rom drehte sich die Konstellation. Beim Ryder Cup 2025 in Bethpage war es Rasmus, der sich als letzter Qualifikant nach einem starken Finish beim British Masters ins Team spielte – Nicolai dagegen fehlte. Gemeinsam im Ryder Cup standen sie damit noch nie auf dem Platz. Gerade deshalb gilt ein gemeinsamer Einsatz für Europa intern längst als eines ihrer größten noch offenen Ziele. Es ist eines der wenigen Kapitel, das ihnen noch fehlt. Dass die Verwechslungen trotzdem bleiben, gehört dazu. Teamkollegen sprachen Rasmus regelmäßig mit „Nicolai” an. Selbst erfahrene Spieler lagen schon daneben. Rasmus nimmt es gelassen: „Das passiert mir seit 20 Jahren.“
Gemeinsam in die Zukunft
Heute leben sie in Südflorida, trainieren zusammen und halten die interne Konkurrenz bewusst am Leben. „Wir können uns jeden Tag gegenseitig pushen“, sagt Nicolai. Zwei ihrer ersten Trainingsduelle auf der PGA Tour endeten unentschieden. Auch sportlich nähern sich ihre Wege wieder an. Rasmus qualifizierte sich über die Jahreswertung der DP World Tour für die PGA Tour. Beim Zurich Classic treten sie als Team an – ganz anders als früher, als sie sich vor allem gegenseitig schlagen wollten.
Der Vergleich bleibt trotzdem bestehen. Wer ist besser? Die Rollen wechseln. Mal liegt Rasmus vorn, mal Nicolai. Das wird intern ohnehin ständig neu verhandelt. Was früher der Kampf um den Beifahrersitz war, ist heute ein Duell auf höchstem Niveau. Und vielleicht irgendwann auch gemeinsam im Ryder Cup.
Medianachweis: © Sportcomm/Gettyimages
