Noch ein Beitrag zur Genderdebatte oder zum Thema Geschlechteridentität? Vielleicht wollen Sie jetzt schon abwinken. Aber gemach, die folgenden Zeilen haben nichts mit „m/w/divers“ oder einem Plädoyer zur Umwidmung von Golferinnen und Golfern in Golfende zu tun. Ganz im Gegenteil: Es geht um die Gender-Tees, um das vorsintflutliche Gedankengut von Gelb für Herren und Rot für Damen!

Spätestens seit der Einführung des World Handicap Systems firmiert die rote Teebox als vorderer Standardabschlag und die gelbe als hinterer, nachzulesen beispielsweise auf der Internetseite des Deutschen Golf Verbands (DGV) unter der Überschrift „Vielfalt der Abschläge“: „Die traditionelle Klassifizierung von Damenabschlag und Herrenabschlag wurde bereits vor langer Zeit abgeschafft. Grundsätzlich ist jede Abschlagfarbe für beide Geschlechter geeignet“, heißt es dort. Und: „Zusätzlich können weitere Abschläge mit verkürzter Länge für Spieler mit höheren Handicap-Indizes oder mit größerer Länge für erfahrene Spieler eingerichtet werden.“ Will heißen: Für jede Platzdistanz, also von jedem Tee ist ein Course Rating für Männer wie für Frauen und gleichsam für diverse Altersklassen möglich. Punkt. Das ist die neue Farbenlehre, dieser Beitrag könnte hier enden …
mentalitätsfrage und reine männersache
… wenn sich bloß das Gedankengut von den Damen- und Herrenabschlägen, diese Kategorisierung aus der Mottenkiste, draußen auf den Plätzen nicht so hartnäckig in den Köpfen halten würde. Wie betoniert fast. Wobei: Tatsächlich ist das Gedöns um die Gender-Tees letztlich ein Mentalitätsthema und reine Männersache. Echte Kerle spielen halt von Gelb. Also stiefeln die Herren der Schöpfung mit breiter Brust auf „ihren“ Abschlag, kraftmeiern die Murmel irgendwie aufs oder neben das Fairway – und freuen sich, wenn der Ball dann zu kurz ist, um schlechterdings in einem Fairway-Bunker zu landen. Obwohl das im Spannungsverhältnis zwischen Landezonen und Hindernissen per Design eigentlich genau so vorgesehen ist. Sinn des Spiels nicht verstanden.
Ein Spieler wiederum, der in voller Akzeptanz seines golferischen Seniorenalters die blaue oder gar die rote Teebox ansteuert, wird als „Weichei“ gefrotzelt. Manchem Ego tut das nicht gut. Die Sache mit dem Selbstwertgefühl hat sogar den „Jahrhundertgolfer“ Jack Nicklaus auf den Plan gerufen. „Wir predigen ständig, von den richtigen, weil zur eigenen Spielstärke passenden Abschlägen zu spielen“, sagt der 18-fache Major-Sieger. „Doch allzu oft muten sich Spieler zu viel Platz zu. Was am Ende leidet, sind ihre Scorekarte und die Freude am Golf.“
Freizeitgolfer fortgeschrittenen Alters und mit einem Handicap jenseits von 20 haben mit dem Driver eine statistisch ermittelte Durchschnittslänge von 150 bis 180 Metern. Tendenz sinkend. Die passende Gesamtdistanz eines Golfplatzes wären rund 5000 Meter.
Und genauso ließen sich die Teeboxen idealerweise auch bezeichnen, um den Gelb-Rot-Klischees endgültig den Garaus zu machen. Wenn verschiedene Spielstärken durch verschiedene Abschläge berücksichtigt werden sollen, dann liegt es nahe, sie auch nach der von ihnen erfassten spezifischen Rundenlänge benennen. Eigentlich ganz einfach.
Im Mutterland des Golfspiels, auf den britischen Inseln, werden die Anlagen seit Jahren von den Verbänden mit Handlungsempfehlungen genau dazu ermuntert. Entsprechend haben zahlreiche Clubs schon längst Herren-, Damen, Senioren etc. abgeschafft und ihre Abschläge nach den jeweiligen Distanzen benannt.
Bitte Umdenken: Vom Gender zum Gusto-Tee
Die zeitgemäßen Stichworte lauten Physis und Fähigkeiten, Lust und Laune – vom Gender- zum Gusto-Tee sozusagen. Warum die Runde unnötig schwieriger, länger, zeitraubender, und nerviger gestalten, als es die Komplexität des Spiels ohnehin mit sich bringt? „Entscheidend ist doch, dass man mit dem eigenen Handicap die Bahn fair bewältigen kann“, sagt beispielsweise Achim Reinmuth, Partner im renommierten Planungsbüro Städler & Reinmuth Golfdesign und Mitglied des European Institute of Golf Course Architects (EIGCA). „Dafür muss man vom richtigen Abschlag in die richtigen Bereiche der Fairways kommen.“
Dafür gibt es eine simple Faustformel: die durchschnittliche Weite mit dem Eisen 5, multipliziert mit 36. Bei Hobby-Golfern mit 140 Metern ergibt sich eine ideale Gesamtlänge des Platzes von 5040 Metern. Was zu beweisen war. Es braucht allerdings exakte Messmöglichkeiten. Und den Willen zur realistischen Selbsteinschätzung statt Pi mal Daumen – schwierig genug, weil nicht selten mit unangenehmen Wahrheiten verbunden. Er – der Schlag – ist meist kürzer, als Mann denkt.
Wäre zum Schluss lediglich noch zu klären, wie das bei der neuen Farbenlehre mit der gelegentlich obligatorischen „Lady“ an der Clubhausbar geregelt wird …
Medianachweis: ©Ostsee Golf Resort Wittenbeck/Michael F. Basche
