Es ist auf europäischer Seite sozusagen Sitte geworden, nach erfolgreichen Kontinentalduellen mit den USA eine neuerliche Amtszeit des siegreichen Skippers zu suggerieren – dank des Glücksfalls Luke Donald beim Ryder Cup und getreu der Devise „Never change a winning team (captain)“. Klar, dass solche Überlegungen nach Europas triumphalem 15:13 beim Solheim Cup im niederländischen Bernardus nun ebenso auf Anna Nordqvist zielen. Zwar waren die Spielerinnen rund um MVP Linn Grant, die vier Punkte aus vier Matches holte, nach einem nervenzermürbenden Nachmittag zu erschöpft, um ein „Two more years“ anzustimmen wie ihre männlichen Kollegen 2023 beim Ryder Cup in Rom. Aber entsprechende Anmerkungen kamen schon – beispielsweise aus der unter anderem mit Golf-Week-Kolumnist Florian Bauer besetzten Kommentatoren-Box von Sky Sports –, kaum dass die vorher so unglücklich agierende Lottie Woad beim Match gegen Auston Kim mit ihrem Putt auf der 17 den Sieg gesichert hatte (2&1), den ihre gleichsam blasse Vierer-Partnerin Charley Hull zum Auftakt der sonntäglichen Einzel mit einem 3&2 über Meghan Kang eingeleitet und die einmal mehr souverän aufspielende Carlotta Ciganda durch das 4&2 gegen Jennifer Kupcho offiziell besiegelt hatte.
Da spielte es dann keine Rolle mehr, dass sich die in den Vierern mit Leona Maguire so souverän aufspielende Esther Henseleit im Einzel gegen Alison Lee eine klare Vier-auf-Führung noch abnehmen ließ, was der Amerikanerin das größte Single-Comeback in der Historie des Solheim Cup ermöglichte. „Natürlich ist es hart, ein Match zu verlieren, wenn man früh eine komfortable Führung hatte. Aber bei einem Teamwettbewerb wie dem Solheim Cup zählt das individuelle Ergebnis längst nicht so viel wie die Trophäe am Ende“, sagte die Deutsche, nachdem sie die bittere Enttäuschung einigermaßen überwunden hatte: „Zu sehen, wie die anderen Mädels so hart gekämpft haben, und auf die Anzeigetafel mit all dem Blau zu schauen, hat es deutlich leichter gemacht, die Niederlage zu verkraften. Diesen Sieg als Team zu feiern, ist eines der schönsten Gefühle meiner Karriere.“
Auch Nordqvist wollte zum Schluss nur noch genießen, was ihr die Spielerinnen zuvor auf dieser bemerkenswerten Bühne namens Bernardus beschert hatten. „Ich bin sehr glücklich für Anna“, sagte Ciganda zwischen Feuerwerk, Dance-Moves, Sprechchören und ausgelassenem Herumhantieren mit der wiedergewonnenen Kristallvase. Das galt fürs ganze Team, von dem die meisten bis vor wenigen Wochen noch mit Nordqvist Turniere bestritten haben. Diese Nähe, diese Homogenität, dieses „Eine für alle, alle für eine“ waren überdeutlich zu spüren und machten in Verbindung mit der Unterstützung durch die formidablen Fans am Ende wohl den Unterschied zu den statistisch eher favorisierten Amerikanerinnen, die seit 2015 auswärts nicht mehr gewonnen haben.
Zur Wahrheit gehört allerdings, dass Nordqvist zwischendurch mit mancherlei Entscheidungen Fragen aufwarf und Unverständnis auslöste – trotz der Ruhe und Gelassenheit, die sie ausstrahlte, trotz aller emotionaler Intelligenz und Einfühlsamkeit. Weil sie beispielsweise am englischen Duo Hull/Woad festhielt, die sämtliche Vierer und dabei jede Menge Birdies spielten, indes nur einen halben Punkt ergatterten. Oder weil sie für den Samstagnachmittag die mitreißend auftrumpfenden Rookies Nastasia Nadaud und Mimi Rhodes trennte, die zuvor ihre Foursome- und Fourball-Matches souverän gewonnen hatten. Oder weil sie Ciganda nur einmal mit der tollen Debütantin Julia López Ramírez antreten ließ, die dem starken US-Duo Nelly Korda/Lauren Coughlin im Fourball am Samstag einen halben Punkt abknöpften und beide ihre Einzel gewannen.
Doch wie immer gilt: Gewinner haben alles richtig gemacht. „Europa wäre sicher nicht schlecht beraten, Anna die Möglichkeit zum Weitermachen zu geben“, sagt dazu auch Catriona Matthew, die wie Suzann Pettersen ebenfalls zwei Mal hintereinander Teamchefin war. Nordqvist selbst wollte „erst einmal eine kleine Auszeit genießen und etwas Schlaf und Erholung nachholen“, als sie bei der anschließenden Pressekonferenz nach einer Fortsetzung ihrer Amtszeit bis Valhalla 2028 gefragt wurde. Aber: „Never say never.“
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