Spiessig war gestern

Netflix & Co machen den Golfsport zum emotionalen Serienhit. Die Doku „Full Swing“ läuft bereits in der vierten Staffel..

Zwischen Netflix-Dokus, Comedyserien und fiktionalen Tragödien erlebt Golf gerade einen Kulturwandel. Hochleistungssport, psychischer Druck, Luxuswelt und menschliche Geschichten funktionieren auf dem Bildschirm erstaunlich gut. Diese Mischung erreicht plötzlich auch Zuschauer, die sonst keinen einzigen Schlag der Profitouren verfolgen würden. 

Die Kameras begleiten die Golfer bei der Produktion überall – auf dem Platz und abseits der Fairways.

Vierte Staffel Der Erfolgsserie

Im Mittelpunkt steht  die Dokumentation „Full Swing“
beim Streamingdienst Netflix. Inzwischen läuft die vierte Staffel der Erfolgsserie. Zwar fällt die mit nur vier Episoden deutlich kürzer aus als die Vorgänger, inhaltlich ist sie aber hochspannend. Die Staffel begleitet einige der größten Geschichten der Golfsaison 2025: Rory McIlroys Triumph beim Masters und sein damit vollendeter Karriere-Grand-Slam, die emotionale Dynamik rund um den Ryder Cup sowie die zunehmenden Spannungen im modernen Profigolf. Dabei geht es nicht nur um sportliche Höhepunkte, sondern auch um mentale Belastung, Rivalitäten und das Leben der Spieler abseits des Fairways. 

Gerade diese Nähe zu den Spielern bleibt die große Stärke der Serie. „Full Swing“ zeigt nicht nur Drives und Putts, sondern vor allem die Personen dahinter: Zweifel vor dem ersten Abschlag, das Familienleben auf der Tour und den ständigen Druck, Woche für Woche abliefern zu müssen. Genau diese Tiefe hat der Serie eine große Fangemeinde eingebracht – auch  außerhalb der klassischen Golf-Bubble. Staffel vier zeigt aber auch, wie schwierig der Balanceakt zwischen Sportdoku und Unterhaltung geworden ist. Viele Fans kritisieren die reduzierte Episodenzahl und hätten sich deutlich mehr Einblicke in die turbulente Saison gewünscht. Gerade Themen wie LIV Golf  oder die Veränderungen im modernen Profigolf werden nur angerissen.  

In Phoenix haben sich die Golfprofis die Premiere von „Full Swing“ gemeinsam angesehen.

„The Hawk“ setzt Auf Humor

Trotzdem bleibt „Full Swing“ derzeit die wichtigste Golfserie im Streamingbereich. Nicht zuletzt, weil sie den Sport emotional zugänglicher macht. Produzenten sprechen bereits offen über eine mögliche fünfte Staffel, die dann im Jahr 2027 erscheinen soll. Die Kamerateams waren zuletzt beim Ryder Cup unterwegs, um Material und Ideen zu sammeln.

„The Hawk“ ist quasi das Gegenstück, setzt auf Humor und große Inszenierung. Die Comedyserie mit Will Ferrell erzählt die Geschichte des ehemaligen Weltklassegolfers Lonnie „The Hawk“ Hawkins, der viele Jahre nach seinem Karrierehöhepunkt ein spektakuläres Comeback versucht. Die Serie bewegt sich irgendwo zwischen „Happy Gilmore“, Sport-Satire und klassischer Außenseitergeschichte. 

Dass die PGA Tour offenbar an der Produktion beteiligt ist, zeigt zudem, wie offensiv der Golfsport inzwischen um neue Zielgruppen wirbt. Statt  ein Sport für Frühaufsteher, Senioren und die Elite zu sein, lautet die neue Botschaft mit solchen TV-Serien: Golf darf auch laut, chaotisch und unterhaltsam sein.

Einen etwas anderen Ansatz verfolgt Apple-TV mit seiner Produktion „Stick“. Die Serie mit Owen Wilson erzählt von einem ehemaligen Golfprofi, der einem jungen Talent zum Durchbruch verhelfen will. 

Geschichten und große Emotionen

Inhaltlich erinnert das Ganze stellenweise an „Ted Lasso“. In jener Serie spielt Jason Sudeikis einen amerikanischen Football-Coach, der sich als Fußballtrainer versucht. Bei „Stick“ passiert eine ganz ähnliche Story eben auf dem Fairway. Humorvoll dargestellt,  mit großem Fokus auf zwischenmenschliche Beziehungen. Auch hier öffnet sich die Golfwelt zunehmend für Hollywood. Mehrere Golfprofis und bekannte Stimmen aus der US-Golfszene haben kurze, überraschende Gastauftritte und spielen teilweise sogar sich selbst. Dadurch verschwimmen die Grenzen zwischen Sport und Unterhaltung immer mehr. Dahinter steckt eine klare Strategie: Die PGA Tour erkennt, dass die Fans von heute nicht mehr nur Turniere sehen wollen, sondern  vor allem Geschichten, Charaktere und Emotionen. 

Die Formel 1 als Parade-Beispiel

Bei der Formel 1 ist der Plan aufgegangen. Nach der Serie „Drive to survive“ sind vor allem in den USA Zuschauerzahlen und Social-Media-Reichweite der  Rennserie gestiegen. Ein Beispiel: Vor der ersten Folge waren 2018 rund 264.000 Besucher beim Rennen in Austin/Texas, ein paar Jahre später schon 400.000! Fahrer wie Daniel Ricciardo oder Max Verstappen wurden zu Popkultur-Figuren. Der Golfsport könnte ähnlich profitieren. Es geht um Geld, um Politik und Prestige. Stoff genug, um ganze Fernseh­abende zu füllen. Dazu muss man nicht einmal die Regeln dieses Sports verstehen. 

Medianachweis: © Sportcomm/Gettyimages

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